Gottfried Keller Die kleine Passion (1872)

  Der sonnige Duft, Septemberluft,
  Sie wehten ein Mücklein mir auf's Buch,
  Das suchte sich die Ruhegruft
  Und fern vom Wald sein Leichentuch.
5 Vier Flügelein von Seiden fein
  Trug's auf dem Rücken zart,
  Drin man im Regenbogenschein
  Spielendes Licht gewahrt!
  Hellgrün das schlanke Leibchen war,
10 Hellgrün der Füßchen dreifach Paar,
  Und auf dem Köpfchen wundersam
  Saß ein Federbüschchen stramm;
  Die Äuglein wie ein goldnes Erz
  Glänzten mir in das tiefste Herz.
15 Dies zierliche und manierliche Wesen
  Hatt' sich zu Gruft und Leichentuch
  Das glänzende Papier erlesen,
  Darin ich las, ein dichterliches Buch;
  So ließ den Band ich aufgeschlagen
20 Und sah erstaunt dem Sterben zu,
  Wie langsam, langsam ohne Klagen
  Das Tierlein kam zu seiner Ruh.
  Drei Tage ging es müd und matt
  Umher auf dem Papiere;
25 Die Flügelein von Seide fein,
  Sie glänzten alle viere.
  Am vierten Tage stand es still
  Gerade auf dem Wörtlein "will!"
  Gar tapfer stand's auf selbem Raum,
30 Hob je ein Füßchen wie im Traum;
  Am fünften Tage legt es sich,
  Doch noch am sechsten regt' es sich;
  Am siebten endlich siegt' der Tod,
  Da war zu Ende seine Not.
35 Nun ruht im Buch sein leicht Gebein,
  Mög' uns sein Frieden eigen sein!

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