Gottfried Keller Die Winzerin – 1. Fassung (1855)

  Am sonnig edlen Gartenhaus
  Da reifet Traub' an Traube,
  Die sanfte Schöne tritt heraus,
  Prüft sinnend ihre Laube;
5 Dem blauen Blick der Schönen gleicht
  Der Beeren dunkle Menge,
  Wohin ihr freundlich Auge reicht,
  Lacht freundliches Gedränge.

  Rings lockt der Trauben stille Glut
10 Zu Häupten und zu Füßen,
  Und sie beginnt mit stillem Mut
  Zu schneiden all' die süßen;
  Und wie sie mit der lieben Hand
  Die gold'nen Blätter teilet,
15 Im Fluge über See und Land
  Schweift hin der Blick und weilet.

  Wie eine reife Beere glänzt
  Ihr feuchtes Aug' hinüber,
  Wo's blaut und leuchtet unbegrenzt,
20 So fern, so fern herüber;
  Sie lässet still und ahnungsvoll
  Die schweren Trauben sinken,
  Bis es in Körben reizend schwoll
  Mit tausendfachem Blinken.

25 Sie wandelt hin und wandelt her
  Geschäftig durch den Garten,
  Bis all' die Körbe, früchteschwer,
  Gereiht der Kelter warten.
  Die Kelter ist gar reich gebaut,
30 Recht für der Schönen Hände;
  Von Silber man die Spindel schaut,
  Von Rosenholz die Wände.

  Sie steht auf einem Marmortisch,
  Die Winzerin beginnet,
35 Daß aus der Kelter süß und frisch
  Das Blut der Traube rinnet;
  Wie reg der weißen Arme Zier
  Mit holder Kraft sich mühet!
  Sie keltert, bis die Wange ihr
40 In dunklem Purpur glühet.

  Sie keltert, daß der Busen fliegt
  Und woget ungemessen,
  Umsonst – was ihr im Sinne liegt,
  Das kann sie nicht vergessen;
45 Umsonst – und wie die Krüge sie
  Mit edlem Moste füllet:
  Sie selber hat den Durst noch nie,
  Das Sehnen nie gestillet.

  Sie läßt den süßen Feuersaft
50 Verschlossen in sich gären,
  In kühler Nacht zu milder Kraft,
  Zum selt'nen Wein verjähren;
  Den trägt sie zu den Hütten hin
  Wohl auf und ab im Tale,
55 Sie reicht der armen Wöchnerin,
  Dem kranken Greis die Schale.

  So keltert sie den Edelwein
  Im Herbst seit manchen Jahren;
  Ein Segel kommt im gold'nen Schein
60 Des Abends fern gefahren,
  Ein Schifflein legt im Hafen an,
  Sie hört die Schiffer singen,
  Und einen hochgemuten Mann
  Sieht sie an's Ufer springen.

65 Sie kennt ihn und sie kennt ihn nicht,
  Sie starrt hinaus in's Weite,
  Als es mit trauter Stimme spricht
  Und grüßt schon ihr zur Seite.
  Die holden Klänge mischen sich,
70 Das Wort hier, dort die Lieder:
  »Ratlos verließ der Knabe dich,
  Ein Mann kehrt dir nun wieder!

  O schau, wie leuchtet's weit und breit,
  Wie klar der Tag, die Stunde!
75 Und reif die schönste Weiblichkeit
  Küßt mich von deinem Munde!«
  Da ist in seine Arme hin
  Sie wonnevoll gesunken,
  Und weinend hat die Winzerin
80 Zum ersten Mal getrunken.

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