Gottfried Keller Die Zeit geht nicht – 1. Fassung (1849)

  Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
  Wir ziehen durch sie hin;
  Sie ist ein Karavanserai,
  Wir sind die Pilger drin.

5 Ein Etwas, form- und farbenlos,
  Das nur Gestalt gewinnt,
  Wo ihr drin auf und nieder taucht,
  Bis wieder ihr zerrinnt.

  Es blitzt ein Tropfen Morgentau
10 Im Strahl des Sonnenlichts –
  Ein Tag kann eine Perle sein
  Und hundert Jahre – Nichts!

  Es ist ein weißes Pergament
  Die Zeit und Jeder schreibt
15 Mit seinem besten Blut darauf
  Bis ihn der Strom vertreibt.

  An dich, du wunderbare Welt,
  Du Schönheit ohne End'!
  Schreib' ich 'nen kurzen Liebesbrief
20 Auf dieses Pergament.

  Froh bin ich, daß ich aufgetaucht
  In deinem runden Kranz;
  Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
  Und lobe deinen Glanz!

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