Gottfried Keller Die Zeit geht nicht (1849)

  Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
  Wir ziehen durch sie hin;
  Sie ist ein Karavanserai,
  Wir sind die Pilger drin.

5 Ein Etwas, form- und farbenlos,
  Das nur Gestalt gewinnt,
  Wo ihr drin auf und nieder taucht,
  Bis wieder ihr zerrinnt.

  Es blitzt ein Tropfen Morgentau
10 Im Strahl des Sonnenlichts;
  Ein Tag kann eine Perle sein
  Und ein Jahrhundert nichts.

  Es ist ein weißes Pergament
  Die Zeit, und Jeder schreibt
15 Mit seinem roten Blut darauf
  Bis ihn der Strom vertreibt.

  An dich, du wunderbare Welt,
  Du Schönheit ohne End',
  Auch ich schreib' meinen Liebesbrief
20 Auf dieses Pergament.

  Froh bin ich, daß ich aufgeblüht
  In deinem runden Kranz;
  Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
  Und lobe deinen Glanz.

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