Gottfried Keller Ein Fischlein steht im kühlen Grund – 1. Fassung (1845)

  Ein Fischlein steht im kühlen Grund,
  Durchsichtig fließen die Wogen,
  Und senkrecht ob ihm hat sein Rund
  Ein schwebender Falk gezogen.

5 Der ist so klein und fern zu sehn,
  Ein Punkt im blauen Dome;
  Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
  Glänzend im tiefen Strome.

  Und dieses auch hinwieder sieht
10 In's Blaue durch seine Welle –
  Ich glaube gar, die Sehnsucht zieht
  Ein's an des Andern Stelle!

  Wenn man so frei, so kühl, so hoch,
  Wie ein Fisch oder Falk kann schweben:
15 Dann ist am End' dies Sehnen noch
  Der beste Teil am Leben.

  Doch wer mit lahm gebog'nem Knie
  Wie ein Wurm im Staub muß liegen,
  Der zähme seine Phantasie,
20 Lern' schwimmen erst, oder fliegen!

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