Gottfried Keller Es wandert eine schöne Sage (1846)

  Es wandert eine schöne Sage,
  Wie Veilchenduft, auf Erden um,
  Wie sehnsuchtsvolle Liebesklage
  In lauer Frühlingsnacht herum.

5 Das ist das Lied vom Völkerfrieden
  Und von dem letzten Menschenglück,
  Von goldner Zeit, die einst hienieden
  In ew'ger Klahrheit kehrt zurück;

  Wo einig alle Völker beten
10 Zum Einen König, Gott und Hirt:
  Von jenem Tag, wo den Propheten
  Ihr ehern Recht gesprochen wird.

  Dann wird's nur Eine Schmach noch geben,
  Nur Eine Sünde auf der Welt:
15 Das ist: das neid'ge Widerstreben,
  Das es für Traum und Wahnsinn hält.

  Wer jene Hoffnung gab verloren,
  Und böslich sie verloren gab:
  Er wäre besser ungeboren
20 Und ihm gebührt kein Menschengrab.

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