Gottfried Keller Flackre, ew’ges Licht im Tal (1875)

  Flackre, ew'ges Licht im Tal,
  friedlich vor dem Fronaltare;
  auch dein Küster liegt einmal,
  der das Öl hat, auf der Bahre!

5 Rausche fort, du tiefer Fluß!
  Dein Gesang wird fortbestehen:
  aber jede Welle muß
  endlich doch im Meer vergehen.

  Nachtviolen, süß und stark,
10 duftet ihr durch diese Lauben,
  und ihr wißt das feinste Mark,
  Luft und Erde schnell zu rauben.

  Von der warmen Nacht geküßt,
  säumt ihr nicht, es auszuhauchen,
15 eh ihr selber wieder müßt
  eure Köpflein untertauchen.

  Aus des Äthers dunklem Raum
  perlen leuchtend goldne Sonnen,
  kommen, schwinden wie ein Traum
20 doch gefüllt bleibt stets der Bronnen.

  Und nur du, mein armes Herz,
  du allein willst ewig schlagen,
  deine Lust und deinen Schmerz
  endlos durch die Himmel tragen?

25 Ewig neu der Wirbel ist,
  zahllos aller Dinge Menge,
  und es bleibt uns keine Frist,
  zu beharren im Gedränge.

  Wie der Staub im Sonnenstrahle
30 wallt's vorüber, Kern und Schale.
  Ewig ist, begreifst es du,
  sehnend Herz, nur deine Ruh!

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