Gottfried Keller Frühlingsglaube (1889)

  Es wandert eine schöne Sage
  Wie Veilchenduft auf Erden um,
  Wie sehnend eine Liebesklage
  Geht sie bei Tag und Nacht herum.

5 Das ist das Lied vom Völkerfrieden
  Und von der Menschheit letztem Glück,
  Von goldner Zeit, die einst hienieden,
  Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.

  Wo einig alle Völker beten
10 Zum Einen König, Gott und Hirt:
  Von jenem Tag, wo den Propheten
  Ihr leuchtend Recht gesprochen wird.

  Dann wird's nur Eine Schmach noch geben,
  Nur eine Sünde in der Welt:
15 Des Eigen-Neides Widerstreben,
  Der es für Traum und Wahnsinn hält.

  Wer jene Hoffnung gab verloren
  Und böslich sie verloren gab,
  Der wäre besser ungeboren:
20 Denn lebend wohnt er schon im Grab.

Neuen Kommentar hinzufügen

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt, die Moderation der Kommentare liegt allein bei Lyrik123.de. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.