Gottfried Keller Ich hab’ in kalten Wintertagen (1889)
Ich hab' in kalten Wintertagen,
In dunkler, hoffnungsarmer Zeit
Ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
O Trugbild der Unsterblichkeit!
5 Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
Nun seh' ich, daß ich wohl getan;
Ich habe nun das Herz umkränzet,
Im Grabe aber ruht der Wahn.
Ich fahre auf dem klaren Strome,
10 Er rinnt mir kühlend durch die Hand;
Ich schau' hinauf zum blauen Dome –
Und such' kein bessres Vaterland.
Nun erst versteh' ich, die da blühet,
O Lilie, deinen stillen Gruß,
15 Ich weiß, wie hell die Flamme glühet,
Daß ich gleich dir vergehen muß!
Bibliographische Daten
Gottfried Keller (1819-1890)
Ich hab’ in kalten Wintertagen
Ich hab' in kalten Wintertagen, …
1889
Realismus
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