Gottfried Keller Jung gewohnt, alt getan – 1. Fassung (1855)

  Die Schenke dröhnt, und an dem langen Tisch
  Ragt Kopf an Kopf verkommener Gesellen;
  Man pfeift, man lacht; Geschrei, Fluch und Gezisch
  Ertönte an des Bieres trüben Wellen.

5 In dieser Wüste glänzt ein weißes Brot,
  Sah man es an, so ward dem Herzen besser;
  Sie drehten eifrig d'raus ein schwarzes Schrot
  Und wischten d'ran die blinden Schenkemesser.

  Doch Einem, der da mit den Andern schrie,
10 Fiel unter'n Tisch des Brots ein kleiner Bissen;
  Schnell fuhr er nieder, wo sich Knie an Knie
  Gebogen drängte in den Finsternissen.

  Dort sucht' er selbstvergessen nach dem Brot;
  Doch da begann's rings um ihn zu rumoren,
15 Sie brachten mit den Füßen ihn in Not
  Und schrie'n erbos't: Was, Kerl! hast du verloren?

  Errötend taucht' er aus dem dunklen Graus
  Und barg das Brötchen in des Tischtuchs Falten.
  Er sann und sah sein ehrlich Vaterhaus
20 Und einer edlen Mutter strenges Walten.

  Nach Jahren aber saß derselbe Mann
  Bei Herrn und Damen an der Tafelrunde,
  Wo Sonnenlicht das Silber überspann
  Und in gewählten Worten floh die Stunde.

25 Auch hier lag Brot, weiß wie der Wirtin Hand,
  Wohlschmeckend in dem Dufte guter Sitten;
  Er selber hielt's nun fest und mit Verstand,
  Doch einem Fräulein war ein Stück entglitten.

  O lassen Sie es liegen! sagt sie schnell;
30 Zu spät, schon ist er unter'n Tisch gefahren
  Und späht und sucht, der treffliche Gesell,
  Wo kleine seid'ne Füßchen steh'n zu Paaren!

  Die Herren lächeln, und die Damen zieh'n
  Die Sessel scheu zurück vor dem Beginnen;
35 Er taucht empor und legt das Brötchen hin,
  Errötend hin auf das damast'ne Linnen.

  Zu artig, Herr! dankt ihm das schöne Kind,
  Indem sie spöttisch lächelnd sich verneigte;
  Er aber sagte höflich und gelind,
40 Indem er sich gar sittsamlich verbeugte:

  Wohl einer Frau galt meine Artigkeit, –
  Euch aber diesmal nicht, verehrte Dame!
  Sie galt der Mutter, die vor langer Zeit
  Entschlafen ist in Leid und bitt'rem Grame.

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