Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Trost der Nacht (1662)

  Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!
  Laß deine Stimm mit Freudenschall
  Aufs lieblichste erklingen!
  Komm, komm und lob den Schöpfer dein,
5 Weil andre Vöglein schlafen sein
  Und nicht mehr mögen singen:
  Laß dein Stimmlein
  Laut erschallen; denn vor allen
  Kanstu loben
10 Gott im Himmel hoch dort oben.

  Obschon ist hin der Sonnenschein,
  Und wir im Finstern müssen sein,
  So können wir doch singen
  Von Gottes Güt und seiner Macht,
15 Weil uns kann hindern keine Nacht,
  Sein Lob zu vollenbringen.
  Drum dein Stimmlein
  Laß erschallen; denn vor allen
  Kanstu loben
20 Gott im Himmel hoch dort oben.

  Echo, der wilde Widerhall,
  Will sein bei diesem Freudenschall
  Und lässet sich auch hören;
  Verweist uns alle Müdigkeit,
25 Der wir ergeben allezeit,
  Lehrt uns den Schlaf betören.
  Drum dein Stimmlein
  Laß erschallen; denn vor allen
  Kanstu loben
30 Gott im Himmel hoch dort oben.

  Die Sterne, so am Himmel stehn,
  Sich lassen zum Lob Gottes sehn
  Und Ehre ihm beweisen;
  Die Eul auch, die nicht singen kann,
35 Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
  Daß sie Gott auch tu preisen.
  Drum dein Stimmlein
  Laß erschallen; denn vor allen
  Kanstu loben
40 Gott im Himmel hoch dort oben.

  Nur her, mein liebstes Vögelein,
  Wir wollen nicht die Fäulsten sein
  Und schlafend liegen bleiben;
  Vielmehr, bis daß die Morgenröt
45 Erfreuet diese Wälder öd,
  In Gottes Lob vertreiben.
  Laß dein Stimmlein
  Laut erschallen; denn vor allen
  Kanstu loben
50 Gott im Himmel hoch dort oben.

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