Heinrich Heine Der Superkargo Mynher van Koek (1821)

  Der Superkargo Mynher van Koek
  Sitzt rechnend in seiner Kajüte;
  Er kalkuliert der Ladung Betrag
  Und die probabeln Profite.

5 «Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,
  Dreihundert Säcke und Fässer;
  Ich habe Goldstaub und Elfenbein -
  Die schwarze Ware ist besser.

  Sechshundert Neger tauschte ich ein
10 Spottwohlfeil am Senegalflusse.
  Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stramm,
  Wie Eisen vom besten Gusse.

  Ich hab zum Tausche Branntewein,
  Glasperlen und Stahlzeug gegeben;
15 Gewinne daran achthundert Prozent,
  Bleibt mir die Hälfte am Leben.

  Bleiben mir Neger dreihundert nur
  Im Hafen von Rio-Janeiro,
  Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück
20 Das Haus Gonzales Perreiro.»

  Da plötzlich wird Mynher van Koek
  Aus seinen Gedanken gerissen;
  Der Schiffschirurgius tritt herein,
  Der Doktor van der Smissen.

25 Das ist eine klapperdürre Figur,
  Die Nase voll roter Warzen -
  Nun, Wasserfeldscherer, ruft van Koek,
  Wie gehts meinen lieben Schwarzen?

  Der Doktor dankt der Nachfrage und spricht:
30 «Ich bin zu melden gekommen,
  Daß heute nacht die Sterblichkeit
  Bedeutend zugenommen.

  Im Durchschnitt starben täglich zwei,
  Doch heute starben sieben,
35 Vier Männer, drei Frauen - Ich hab den Verlust
  Sogleich in die Kladde geschrieben.

  Ich inspizierte die Leichen genau;
  Denn diese Schelme stellen
  Sich manchmal tot, damit man sie
40 Hinabwirft in die Wellen.

  Ich nahm den Toten die Eisen ab;
  Und wie ich gewöhnlich tue,
  Ich ließ die Leichen werfen ins Meer
  Des Morgens in der Fruhe.

45 Es schossen alsbald hervor aus der Flut
  Haifische, ganze Heere,
  Sie lieben so sehr das Negerfleisch;
  Das sind meine Pensionäre.

  Sie folgten unseres Schiffes Spur,
50 Seit wir verlassen die Küste;
  Die Bestien wittern den Leichengeruch,
  Mit schnupperndem Fraßgelüste.

  Es ist possierlich anzusehn,
  Wie sie nach den Toten schnappen!
55 Die faßt den Kopf, die faßt das Bein,
  Die andern schlucken die Lappen.

  Ist alles verschlungen, dann tummeln sie sich
  Vergnügt um des Schiffes Planken
  Und glotzen mich an, als wollten sie
60 Sich für das Frühstück bedanken.»

  Doch seufzend fällt ihm in die Red
  Van Koek: Wie kann ich lindern
  Das Übel? wie kann ich die Progression
  Der Sterblichkeit verhindern?

65 Der Doktor erwidert: «Durch eigne Schuld
  Sind viele Schwarze gestorben;
  Ihr schlechter Odem hat die Luft
  Im Schiffsraum so sehr verdorben.

  Auch starben viele durch Melancholie,
70 Dieweil sie sich tödlich langweilen;
  Durch etwas Luft, Musik und Tanz
  Läßt sich die Krankheit heilen.»

  Da ruft van Koek: «Ein guter Rat!
  Mein teurer Wasserfeldscherer
75 Ist klug wie Aristoteles,
  Des Alexanders Lehrer.

  Der Präsident der Sozietät
  Der Tulpenveredlung im Delfte
  Ist sehr gescheit, doch hat er nicht
80 Von Eurem Verstande die Hälfte.

  Musik! Musik! Die Schwarzen solln
  Hier auf dem Verdecke tanzen.
  Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert,
  Den soll die Peitsche kuranzen.»

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