Heinrich Heine Die Unbekannte (1823)

  Meiner goldgelockten Schönen
  Weiß ich täglich zu begegnen,
  In dem Tuileriengarten,
  Unter den Kastanienbäumen.

5 Täglich geht sie dort spazieren,
  Mit zwei häßlich alten Damen -
  Sind es Tanten? Sinds Dragoner,
  Die vermummt in Weiberröcken?

  Niemand konnt mir Auskunft geben,
10 Wer sie sei. Bei allen Freunden
  Frug ich nach, und stets vergebens!
  Ich erkrankte fast vor Sehnsucht.

  Eingeschüchtert von dem Schnurrbart
  Ihrer zwei Begleiterinnen,
15 Und von meinem eignen Herzen
  Noch viel strenger eingeschüchtert,

  Wagt ich nie ein seufzend Wörtchen
  Im Vorübergehn zu flüstern,
  Und ich wagte kaum mit Blicken
20 Meine Flamme zu bekunden.

  Heute erst hab ich erfahren
  Ihren Namen. Laura heißt sie,
  Wie die schöne Provenzalin,
  Die der große Dichter liebte.

25 Laura heißt sie! Nun da bin ich
  Just so weit wie einst Petrarca,
  Der das schöne Weib gefeiert
  In Kanzonen und Sonetten.

  Laura heißt sie! Wie Petrarca
30 Kann ich jetzt platonisch schwelgen
  In dem Wohllaut dieses Namens -
  Weiter hat ers nie gebracht.

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