Heinrich Heine In Vaters Garten heimlich steht (1823)

  In Vaters Garten heimlich steht
  Ein Blümchen traurig und bleich;
  Der Winter zieht fort, der Frühling weht,
  Bleich Blümchen bleibt immer so bleich.
5 Die bleiche Blume schaut
  Wie eine kranke Braut.

  Zu mir bleich Blümchen leise spricht:
  Lieb Brüderchen, pflücke mich!
  Zu Blümchen sprech ich: Das tu ich nicht,
10 Ich pflücke nimmermehr dich;
  Ich such mit Müh und Not
  Die Blume purpurrot.

  Bleich Blümchen spricht: Such hin, such her,
  Bis an deinen kühlen Tod,
15 Du suchst umsonst, findst nimmermehr
  Die Blume purpurrot;
  Mich aber pflücken tu,
  Ich bin so krank wie du.

  So lispelt bleich Blümchen, und bittet sehr -
20 Da zag ich, und pflück ich es schnell.
  Und plötzlich blutet mein Herze nicht mehr,
  Mein inneres Auge wird hell.
  In meine wunde Brust
  Kommt stille Engellust.

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