Heinrich Heine König Langohr I (1820)

  Bei der Königswahl, wie sich versteht,
  Hatten die Esel die Majorität,
  Und es wurde ein Esel zum König gewählt.
  Doch hört, was jetzt die Chronik erzählt:

5 Der gekrönte Esel bildete sich
  Jetzt ein, daß er einem Löwen glich;
  Er hing sich um eine Löwenhaut,
  Und brüllte wie ein Löwe so laut.
  Er pflegte Umgang nur mit Rossen -
10 Das hat die alten Esel verdrossen.
  Bulldoggen und Wölfe waren sein Heer,
  Drob murrten die Esel noch viel mehr.
  Doch als er den Ochsen zum Kanzler erhoben,
  Vor Wut die Esel rasten und schnoben.
15 Sie drohten sogar mit Revolution!
  Der König erfuhr es und stülpte die Kron
  Sich schnell aufs Haupt, und wickelte schnell
  Sich in sein mutiges Löwenfell.
  Dann ließ er vor seines Thrones Stufen
20 Die malkontenten Esel rufen,
  Und hat die folgende Rede gehalten:

  «Hochmögende Esel, Ihr jungen und alten!
  Ihr glaubt, daß ich ein Esel sei
  Wie Ihr, Ihr irrt Euch, ich bin ein Leu;
25 Das sagt mir jeder an meinem Hofe,
  Von der Edeldame bis zur Zofe.
  Mein Hofpoet hat ein Gedicht
  Auf mich gemacht, worin er spricht:
  ,Wie angeboren dem Kamele
30 Der Buckel ist, ist deiner Seele
  Die Großmut des Löwen angeboren -
  Es hat dein Herz keine langen Ohren!'
  So singt er in seiner schönsten Strophe,
  Die jeder bewundert an meinem Hofe.
35 Hier bin ich geliebt; die stolzesten Pfauen
  Wetteifern, mein königlich Haupt zu krauen.
  Die Künste beschütz ich; man muß gestehn,
  Ich bin zugleich August und Mäcen.
  Ich habe ein schönes Hoftheater;
40 Die Heldenrollen spielt ein Kater.
  Die Mimin Mimi, die holde Puppe,
  Und zwanzig Möpse bilden die Truppe.
  Ich hab eine Maler-Akademie
  Gestiftet für Affen von Genie.
45 Als ihren Direktor hab ich in petto,
  Den Rafael des Hamburger Ghetto,
  Lehmann vom Dreckwall, zu engagieren;
  Er soll mich auch selber porträtieren.
  Ich hab eine Oper, ich hab ein Ballett,
50 Wo halb entkleidet und ganz kokett
  Gar allerliebste Vögel singen
  Und höchst talentvolle Flöhe springen.
  Kapellenmeister ist Meyer-Bär,
  Der musikalische Millionär;
55 Jetzt schreibt der große Bären-Meyer
  Ein Festpiel zu meiner Vermählungsfeier.
  Ich selber übe die Tonkunst ein wenig,
  Wie Friedrich der Große, der Preußenkönig.
  Er blies die Flöte, ich schlage die Laute,
60 Und manches schöne Auge schaute
  Sehnsüchtig mich an, wenn ich mit Gefühl
  Geklimpert auf meinem Saitenspiel.
  Mit Freude wird einst die Königin
  Entdecken, wie musikalisch ich bin!
65 Sie selbst ist eine vollkommene Stute
  Von hoher Geburt, vom reinsten Blute.
  Sie ist eine nahe Anverwandte
  Von Don Quixotes Rosinante;
  Ihr Stammbaum bezeugt, daß sie nicht minder
70 Verwandt mit dem Bayard der Haimonskinder;
  Sie zählt auch unter ihren Ahnen
  Gar manchen Hengst, der unter den Fahnen
  Gottfrieds von Bouillon gewiehert hat,
  Als dieser erobert die heilige Stadt.
75 Vor allem aber durch ihre Schöne
  Glänzt sie! Wenn sie schüttelt die Mähne,
  Und wenn sie schnaubt mit den rosigen Nüstern,
  Jauchzt auf mein Herz, entzückt und lüstern -
  Sie ist die Blume und Krone der Mähren
80 Und wird mir einen Kronerben bescheren.
  Ihr seht, verknüpft mit dieser Verbindung
  Ist meiner Dynastie Begründung.
  Mein Name wird nicht untergehn,
  Wird ewig in Klios Annalen bestehn.
85 Die hohe Göttin wird von mir sagen,
  Daß ich ein Löwenherz getragen
  In meiner Brust, daß ich weise und klug
  Regiert, und auch die Laute schlug.»

  Hier rülpste der König, doch unterbrach er
90 Nicht lange die Rede und weiter sprach er:

  «Hochmögende Esel, Ihr jungen und alten!
  Ich werd Euch meine Gunst erhalten,
  Solang Ihr derselben würdig seid.
  Zahlt Eure Steuern zur rechten Zeit
95 Und wandelt stets der Tugend Bahn,
  Wie weiland Eure Väter getan,
  Die alten Esel! Sie trugen zur Mühle
  Geduldig die Säcke; denn ihre Gefühle
  Sie wurzelten tief in der Religion.
100 Sie wußten nichts von Revolution -
  Kein Murren entschlüpfte der dicken Lippe,
  Und an der Gewohnheit frommen Krippe
  Fraßen sie friedlich ihr tägliches Heu!
  Die alte Zeit, sie ist vorbei.
105 Ihr neueren Esel seid Esel geblieben,
  Doch ohne Bescheidenheit zu üben.
  Ihr wedelt kümmerlich mit dem Schwanz,
  Doch drunter lauert die Arroganz.
  Ob Eurer albernen Miene hält
110 Für ehrliche Esel Euch die Welt;
  Ihr seid unehrlich und boshaft dabei,
  Trotz Eurer demütigen Eselei.
  Steckt man Euch Pfeffer in den Steiß,
  sogleich erhebt Ihr des Eselgeschreis
115 Entsetzliche Laute! Ihr möchtet zerfleischen
  Die ganze Welt, und könnt nur kreischen.
  Unsinniger Jähzorn, der alles vergißt!
  Ohnmächtige Wut, die lächerlich ist!
  Eur dummes Gebreie, es offenbart,
120 Wie viele Tücken jeder Art,
  Wie ganz gemeine Schlechtigkeit
  Und blöde Niederträchtigkeit
  Und Gift und Galle und Arglist sogar
  In der Eselshaut verborgen war.»

125 Hier rülpste der König, doch unterbrach er
  Nicht lange die Rede und weiter sprach er:

  «Hochmögende Esel, Ihr jungen und alten!
  Ihr seht, ich kenne Euch! Ungehalten,
  Ganz allerhöchst ungehalten bin ich,
130 Daß Ihr so schamios widersinnig
  Verunglimpft habt mein Regiment.
  Auf Eurem Eselsstandpunkt könnt
  Ihr nicht die großen Löwen-Ideen
  Von meiner Politik verstehen.
135 Nehmt Euch in acht! In meinem Reiche
  Wächst manche Buche und manche Eiche,
  Woraus man die schönsten Galgen zimmert,
  Auch gute Stöcke. Ich rat Euch, bekümmert
  Euch nicht ob meinem Schalten und Walten!
140 Ich rat Euch, ganz das Maul zu halten!
  Die Räsoneure, die frechen Sünder,
  Die laß ich öffentlich stäupen vom Schinder;
  Sie sollen im Zuchthaus Wolle kratzen.
  Wird einer gar von Aufruhr schwatzen
145 Und Straßen entpflastern zur Barrikade -
  Ich laß ihn henken ohne Gnade.
  Das hab ich Euch, Esel, einschärfen wollen!
  Jetzt könnt Ihr Euch nach Hause trollen.»

  Als diese Rede der König gehalten,
150 Da jauchzten die Esel, die jungen und alten;
  Sie riefen einstimmig: «I-A! I-A!
  Es lebe der König! Hurra! Hurra!»

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