Heinrich Heine Lebewohl (1819)

  Schöne Wiege meiner Leiden,
  Schönes Grabmal meiner Ruh,
  Schöne Stadt, wir müssen scheiden, –
  Lebe wohl, ruf ich dir zu.

5 Lebe wohl, du heilge Schwelle,
  Wo da wandelt Liebchen traut;
  Lebe wohl! du heilge Stelle,
  Wo ich sie zuerst geschaut.

  Hätt ich dich doch nie gesehen,
10 Schöne Herzenskönigin!
  Nimmer wär es dann geschehen,
  Daß ich jetzt so elend bin.

  Nie wollt ich dein Herze rühren,
  Liebe hab ich nie erfleht;
15 Nur ein stilles Leben führen
  Wollt ich, wo dein Odem weht.

  Doch du drängst mich selbst von hinnen,
  Bittre Worte spricht dein Mund;
  Wahnsinn wühlt in meinen Sinnen,
20 Und mein Herz ist krank und wund.

  Und die Glieder matt und träge
  Schlepp ich fort am Wanderstab,
  Bis mein müdes Haupt ich lege
  Ferne in ein kühles Grab.

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