Heinrich Heine Mir loder und wogt (1819)

  Mir lodert und wogt im Hirn eine Flut
  Von Wäldern, Bergen und Fluren;
  Aus dem tollen Wust tritt endlich hervor
  Ein Bild mit festen Konturen.

5 Das Städtchen, das mir im Sinne schwebt,
  Ist Godesberg, ich denke.
  Dort wieder unter dem Lindenbaum
  Sitz ich vor der alten Schenke.

  Der Hals ist mir trocken, als hätt ich verschluckt
10 Die untergehende Sonne.
  Herr Wirt! Herr Wirt! Eine Flasche Wein
  Aus Eurer besten Tonne!

  Es fließt der holde Rebensaft
  Hinunter in meine Seele
15 Und löscht bei dieser Gelegenheit
  Den Sonnenbrand der Kehle.

  Und noch eine Flasche, Herr Wirt! Ich trank
  Die erste in schnöder Zerstreuung,
  Ganz ohne Andacht! Mein edler Wein,
20 Ich bitte dich drob um Verzeihung.

  Ich sah hinauf nach dem Drachenfels,
  Der, hochromantisch beschienen
  Vom Abendrot, sich spiegelt im Rhein
  Mit seinen Burgruinen.

25 Ich horchte dem fernen Winzergesang
  Und dem kecken Gezwitscher der Finken -
  So trank ich zerstreut, und an den Wein
  Dacht ich nicht während dem Trinken.

  Jetzt aber steck ich die Nase ins Glas,
30 Und ernsthaft zuvor beguck ich
  Den Wein, den ich schlucke; manchmal auch,
  Ganz ohne zu gucken, schluck ich.

  Doch sonderbar! Während dem Schlucken wird mir
  Zu Sinne, als ob ich verdoppelt,
35 Ein andrer armer Schlucker sei
  Mit mir zusammengekoppelt.

  Der sieht so krank und elend aus,
  So bleich und abgemergelt.
  Gar schmerzlich verhöhnend schaut er mich an,
40 Wodurch er mich seltsam nergelt.

  Der Bursche behauptet, er sei ich selbst,
  Wir wären nur eins, wir beide,
  Wir wären ein einziger armer Mensch,
  Der jetzt am Fieber leide.

45 Nicht in der Schenke von Godesberg,
  In einer Krankenstube
  Des fernen Paris befänden wir uns -
  Du lügst, du bleicher Bube!

  Du lügst, ich bin so gesund und rot
50 Wie eine blühende Rose,
  Auch bin ich stark, nimm dich in acht,
  Daß ich mich nicht erbose!

  Er zuckt die Achseln und seufzt: «O Narr!»
  Das hat meinen Zorn entzügelt;
55 Und mit dem verdammten zweiten Ich
  Hab ich mich endlich geprügelt.

  Doch sonderbar! jedweden Puff,
  Den ich dem Burschen erteile,
  Empfinde ich am eignen Leib,
60 Und ich schlage mir Beule auf Beule.

  Bei dieser fatalen Balgerei
  Ward wieder der Hals mir trocken,
  Und will ich rufen nach Wein den Wirt,
  Die Worte im Munde stocken.

65 Mir schwinden die Sinne, und traumhaft hör
  Ich von Kataplasmen reden,
  Auch von der Mixtur - ein Eßlöffel voll -
  Zwölf Tropfen stündlich in jeden.

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