Heinrich Heine Das Erwachen (Traumbilder, X) (1820)

  Da hab ich viel blasse Leichen
  Beschworen mit Wortesmacht;
  Die wollen nun nicht mehr weichen
  Zurück in die alte Nacht.

5 Das zähmende Sprüchlein vom Meister
  Vergaß ich vor Schauer und Graus;
  Nun ziehn die eignen Geister
  Mich selber ins neblichte Haus.

  Laßt ab, ihr finstern Dämonen!
10 Laßt ab, und drängt mich nicht!
  Noch manche Freude mag wohnen
  Hier oben im Rosenlicht.

  Ich muß ja immer streben
  Nach der Blume wunderhold; –
15 Was bedeutet’ mein ganzes Leben,
  wenn ich sie nicht lieben sollt?

  Ich möchte sie nur einmal umfangen
  Und pressen ans glühende Herz!
  Nur einmal auf Lippen und Wangen
20 Küssen den seligsten Schmerz!

  Nur einmal aus ihrem Munde
  Möcht ich hören ein liebendes Wort, –
  Alsdann woll ich folgen zur Stunde
  Euch, Geister, zum finsteren Ort.

25 Die Geister haben‘s vernommen,
  Und nicken schauerlich.
  Feins Liebchen, nun bin ich gekommen;
  Feins Liebchen, liebst du mich?

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