Heinrich Heine Vor dem Dome stehn zwei Männer (1823)

  Vor dem Dome stehn zwei Männer,
  Tragen beide rote Röcke,
  Und der Eine ist der König
  Und der Henker ist der Andre.

5 Und zum Henker spricht der König:
  Am Gesang der Pfaffen merk ich,
  Daß vollendet schon die Trauung
  Halt bereit dein gutes Richtbeil."

  Glockenklang und Orgelrauschen,
10 Und das Volk strömt aus der Kirche;
  Bunter Festzug, in der Mitte
  Die geschmückten Neuvermählten.

  Leichenblaß und bang und traurig
  Schaut die schöne Königstochter;
15 Keck und heiter schaut Herr Olaf;
  Und sein roter Mund, der lächelt.

  Und mit lächelnd rotem Munde
  Spricht er zu dem finstern König:
  Guten Morgen, Schwiegervater,
20 Heut ist Dir mein Haupt verfallen.

  Sterben soll ich heut - O, laß mich
  Nur bis Mitternacht noch leben,
  Daß ich meine Hochzeit feire
  Mit Bankett und Fackeltänzen.

25 Laß mich leben, laß mich leben,
  Bis geleert der letzte Becher,
  Bis der letzte Tanz getanzt ist -
  Laß bis Mitternacht mich leben!"

  Und zum Henker spricht der König:
30 Unserm Eidam sei gefristet
  Bis um Mitternacht sein Leben -
  Halt bereit dein gutes Richtbeil."

Neuen Kommentar hinzufügen

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt, die Moderation der Kommentare liegt allein bei Lyrik123.de. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.