Hugo von Hofmannsthal Grossmutter und Enkel (1899)

  »Ferne ist dein Sinn, dein Fuß
  Nur in meiner Tür!«
  Woher weißt du's gleich beim Gruß?
  »Kind, weil ich es spür.«

5 Was? »Wie Sie aus süßer Ruh
  Süß durch dich erschrickt.« -
  Sonderbar, wie Sie hast du
  Vor dich hingenickt.

  »Einst ...« Nein: jetzt im Augenblick!
10 Mich beglückt der Schein -
  »Kind, was haucht dein Wort und Blick
  Jetzt in mich hinein?

  Meine Mädchenzeit voll Glanz
  Mit verstohlnem Hauch,
15 Öffnet mir die Seele ganz!«
  Ja, ich spür es auch:

  Und ich bin bei dir und bin
  Wie auf fremdem Stern:
  Ihr und dir mit wachem Sinn
20 Schwankend nah und fern!

  »Als ich dem Großvater dein
  Mich fürs Leben gab,
  Trat ich so verwirrt nicht ein
  Wie nun in mein Grab.«

25 Grab? Was redest du von dem?
  Das ist weit von dir!
  Sitzest plaudernd und bequem
  Mit dem Enkel hier.

  Deine Augen frisch und reg,
30 Deine Wangen hell –
  »Flog nicht übern kleinen Weg
  Etwas schwarz und schnell?«

  Etwas ist, das wie ein Traum
  Mich Verliebten hält.
35 Wie der enge schwüle Raum
  Seltsam mich umstellt!

  »Fühlst du, was jetzt mich umblitzt
  Und mein stockend Herz?
  Wenn du bei dem Mädchen sitzt,
40 Unter Kuß und Scherz,

  Fühl es fort und denk an mich,
  Aber ohne Graun:
  Denk, wie ich im Sterben glich
  Jungen, jungen Fraun.«

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