Hugo von Hofmannsthal Lebenslied (1896)

  Den Erben lass verschwenden
  An Adler, Lamm und Pfau
  Das Salböl aus den Händen
  Der todten alten Frau!
5 Die Todten, die entgleiten,
  Die Wipfel in dem Weiten,
  Ihm sind sie wie das Schreiten
  Der Tänzerinnen werth!

  Er geht, wie den kein Walten
10 Vom Rücken her bedroht.
  Er lächelt, wenn die Falten
  Des Lebens flüstern: Tod!
  Ihm bietet jede Stelle
  Geheimnissvoll die Schwelle,
15 Es gibt sich jeder Welle
  Der Heimatlose hin!

  Der Schwarm von wilden Bienen
  Nimmt seine Seele mit,
  Das Singen von Delphinen
20 Beflügelt seinen Schritt:
  Ihn tragen alle Erden
  Mit mächtigen Geberden,
  Der Flüsse Dunkelwerden
  Begrenzt den Hirtentag!

25 Das Salböl aus den Händen
  Der todten alten Frau
  Lass lächelnd ihn verschwenden
  An Adler, Lamm und Pfau:
  Er lächelt der Gefährten, -
30 Die schwebend unbeschwerten
  Abgründe und die Gärten
  Des Lebens tragen ihn!

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