Ignaz Franz Castelli Das Echo (1835)

  Herzliebe, gute Mutter,
  o grolle nicht mit mir;
  du sahst den Hans mich küssen,
  doch ich kann nichts dafür;
5 ich will dir alles sagen,
  doch habe nur Geduld:
  Das Echo drauß am Hügel,
  beim Bügel,
  das ist an allem Schuld.

10 Ich saß dort auf der Wiese,
  da hat er mich gesehn,
  doch blieb er ehrerbietig,
  hübsch in der Ferne stehn
  und sprach: "Gern trät ich näher,
15 nähmst du's nicht übel auf:
  Sag, bin ich dir willkommen?"
  Kommen!
  rief schnell das Echo drauf.

  Dann kam er auf die Wiese,
20 zu mir hin setzt' er sich,
  hieß mich die schöne Liese
  und schlang den Arm um mich,
  und bat, ich möcht ihm sagen,
  ob ich ihm gut kann sein?
25 Das wär ihm sehr erfreulich;
  Freilich
  rief schnell das Echo drein.

  Dies hört' er und hat näher
  zu rücken mir gewagt,
30 er glaubte wohl, ich hätte
  das alles ihm gesagt;
  Erlaubst du, sprach er zärtlich,
  Daß ich als meine Braut
  dich recht von Herzen küsse?"
35 Küsse!
  schrie jetzt das Echo laut.

  Nun sieh, so ist's gekommen,
  daß Hans mir gab den Kuß,
  das böse, böse Echo,
40 es macht mir viel Verdruß;
  und jetzo wird er kommen,
  wirst sehen sicherlich,
  und wird von dir begehren
  in Ehren
45 zu seinem Weibe mich.

  Ist dir der Hans, lieb Mutter,
  nicht recht zu meinem Mann,
  so sag, daß ihm das Echo
  den bösen Streich getan;
50 doch glaubst du, daß wir passen
  zu einem Ehepaar,
  dann mußt du ihn nicht kränken,
  magst denken,
  daß ich das Echo war.

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