Johann Christian Günther Studenten-Lied (1718)

     BRüder! laßt uns lustig seyn,
  Weil der Frühling währet,
     Und der Jugend Sonnen-Schein
  Unser Laub verklähret:
5    Grab und Bahre warten nicht;
     Wer die Rosen ietzo bricht,
  Dem ist der Krantz beschehret.

     Unsers Lebens schnelle Flucht
  Leidet keinen Zügel,
10    Und des Schicksals Eiffersucht
  Macht ihr stetig Flügel:
     Zeit und Jahre fliehn davon,
     Und vielleichte schnitzt man schon
  An unsers Grabes Riegel.

15    Wo sind diese? sagt es mir,
  Die vor wenig Jahren
     Eben also gleichwie wir
  Jung und frölich waren?
     Jhre Leiber deckt der Sand,
20    Sie sind in ein ander Land
  Aus dieser Welt gefahren.

     Wer nach unsern Vätern forscht,
  Mag den Kirch-Hof fragen:
     Jhr Gebein so längst vermorscht,
25 Wird ihm Antwort sagen.
     Kan uns doch der Himmel bald,
     Eh die Morgen-Glocke schallt,
  Jn unsre Gräber tragen.

     Unterdessen seyd vergnügt,
30 Laßt den Himmel walten!
     Trinckt, biß euch das Bier besiegt,
  Nach Manier der Alten.
     Fort! mir wässert schon das Maul,
     Und ihr andern seyd nicht faul,
35 Die Mode zu erhalten.

     Dieses Gläßgen bring ich dir,
  Daß die Liebste lebe!
     Und der Nachwelt bald von dir
  Einen Abriß gebe.
40    Setzt ihr andern gleichfalls an,
     Und wenn dieses ist gethan,
  So lebt der edlen Rebe.

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