Johann Heinrich Voß Der Herbstgang (1794)

  Die Bäume stehn der Frucht entladen,
  Und gelbes Laub verweht ins Tal;
  Das Stoppelfeld in Schimmerfaden
  Erglänzt am niedern Mittagsstrahl.
5 Es kreist der Vögel Schwarm und ziehet,
  Das Vieh verlangt zum Stall und fliehet
  Die magern Aun, vom Reife fahl.

  Oh, geh am sanften Scheidetage
  Des Jahrs zu guter Letzt hinaus
10 Und nenn ihn Sommertag und trage
  Den letzten, schwer gefundnen Strauß.
  Bald steigt Gewölk und schwarz dahinter
  Der Sturm und sein Genoß, der Winter,
  Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

15 Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet
  Die Freuden im Vorüberfliehn,
  Empfängt, was kommt, unüberraschet
  Und pflückt die Blumen, weil sie blühn;
  Und sind die Blumen auch verschwunden,
20 So steht am Winterherd umwunden
  Sein Festpokal mit Immergrün.

  Noch trocken führt durch Tal und Hügel
  Der längstvertraute Sommerpfad.
  Nur rötlich hängt am Wasserspiegel
25 Der Baum, den grün ihr neulich saht.
  Doch grünt der Kamp von Winterkorne;
  Doch grünt beim Rot der Hagedorne
  Und Spillbeern unsre Lagerstatt!

  So still an warmer Sonne liegend,
30 Sehn wir das bunte Feld hinan
  Und dort, auf schwarzer Brache pflügend,
  Mit Luftgepfeif, den Ackermann;
  Die Krähn in frischer Furche schwärmen
  Dem Pfluge nach und schrein und lärmen,
35 Und dampfend zieht das Gaulgespann.

  Natur, wie schön in jedem Kleide!
  Auch noch im Sterbekleid wie schön!
  Sie mischt in Wehmut sanfte Freude,
  Und lächelt tränend noch im Gehn.
40 Du, welkes Laub, das niederschauert,
  Du Blümchen, lispelst: Nicht getrauert!
  Wir werden schöner auferstehn!

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