Johann Heinrich Voß Der siebzigste Geburtstag (An Bodmer) (1780)

  Bei der Postille beschlich den alten christlichen Walter
  Sanft der Mittagsschlummer in seinem geerbeten Lehnstuhl,
  Mit braunnarbichtem Jucht voll schwellender Haare bepolstert.
  Festlich prangte der Greis in gestreifter kalmankener Jacke:
5 Denn er feierte heute den siebzigsten frohen Geburtstag;
  Und ihm hatte sein Sohn, der gelahrte Pastor in Marlitz,
  Jüngst vier Flaschen gesandt voll alten balsamischen Rheinweins,
  Und gelobt, wenn der Schnee in den hohlen Wegen es irgend
  Zuließ’, ihn zu besuchen mit seiner jungen Gemahlin.
10 Eine der Flaschen hatte der alte Mann bei der Mahlzeit
  Ihres Siegels beraubt, und mit Mütterchen auf die Gesundheit
  Ihres Sohnes geklingt, und seiner jungen Gemahlin,
  Die er so gern noch sähe vor seinem seligen Ende!
  Auf der Postille lag sein silberfarbenes Haupthaar,
15 Seine Brill’, und die Müze von violettenen Sammet,
  Mit Fuchspelze verbrämt, und geschmückt mit goldener Troddel.

  Mütterchen hatte das Bett’ und die Fenster mit reinen Gardinen
  Ausgeziert, die Stube gefegt und mit Sande gestreuet,
  Über den Tisch die rothgeblümte Decke gebreitet,
20 Und die bestäubten Blätter des Feigenbaumes gereinigt.
  Auf dem Gesimse blinkten die zinnernen Teller und Schüsseln;
  Und an den Pflöcken hingen ein Paar stettinische Krüge,
  Eine zierlich Ell’, ein Mangelholz und ein Desem.
  Auch den eichenen Schrank mit Engelköpfen und Schnörkeln,
25 Schraubenförmigen Füssen, und Schlüsselschilden von Meßing.
  (Ihre selige Mutter, die Küsterin, kauft’ ihn zum Brautschaz.)
  Hatte sie abgestäubt, und mit glänzendem Wachse gebonert.
  Oben stand auf Stufen ein Hund und ein züngelnder Löwe,
  Beide von Gips, Trinkgläser mit eingeschliffenen Bildern,
30 Zween Theetöpfe von Zinn, und irdene Tassen, und Äpfel.

  Jezo erhob sie sich vom binsenbeflochtenen Spinnstuhl
  Langsam, trippelte leis’ auf knirrendem Sande zur Wanduhr
  Hin, und knüpfte die Schnur des Schlaggewichts an den Nagel,
  Daß den Greis nicht weckte das klingende Glas und der Kukuk;
35 Sah dann hinaus, wie der Schnee in häufigen Flocken am Fenster
  Rieselte, und wie der Sturm in den hohenn Eschen des Hofes
  Rauscht’, und verwehte die Spuren der hüpfenden Krähn an der Scheune.

  Aber mein Sohn komt doch, so wahr ich Elisabeth heisse!
  (Flüsterte sie:) denn seht, wie die Kaz’ auf dem Tritte des Tisches
40 Schnurrt, und ihr Pfötchen leckt, und Bart und Nacken sich puzet!
  Dies bedeutet ja Fremde, nach aller Vernünftigen Urtheil!
  Sprachs, und sezte die Tassen mit zitternden Händen in Ordnung,
  Füllte die Zuckerdos’, und scheuchte die sumsenden Fliegen,
  Die ihr Mann mit der Klappe verschont zur Wintergesellschaft;
45 Nahm zwo irdene Pfeifen, mit grünen Posen gezieret,
  Von dem Gesims, und legte Toback auf den zinnernen Teller.

  Jezo ging sie, und rief mit leiser heiserer Stimme
  Aus der Gesindestube Marie vom rummelnden Spulrad:

  Scharre mir Kohlen, Marie, aus dem tiefen Ofen, und lege
50 Kien und Torf hinein, und dürres büchenes Stammholz;
  Denn der alte Vater, du weißt es, klaget beständig
  Über Frost, und sucht die Sonne sogar in der Ernte.

  Also sprach sie; da scharrte Marie aus dem Ofen die Kohlen,
  Legte Feurung hinein, und weckte die Glut mit dem Blasbalg,
55 Hustend, und schimpfte den Rauch, und wischte die thränenden Augen.

  Aber Mütterchen brannt’ am Feuerheerd’ in der Pfanne
  Emsig die Kaffebohnen, und rührte sie oft mit dem Löffel;
  Knatternd bräunten sie sich, und schwizten balsamisches Öl aus.
  Und sie langte die Mühle herab vom Gesimse des Schornsteins,
60 Schüttete Bohnen darauf, und nahm sie zwischen die Kniee,
  Hielt mit der Linken sie fest, und drehte den Knopf mit der Rechten;
  Sammelte auch haushältrisch die hüpfenden Bohnen vom Schooße,
  Und goß auf das Papier den grobgemalenen Kaffe.
  Aber nun hielt sie mitten im Lauf die rasselnde Mühl’ an:

65 Eile, Marie, und sperre den wachsamen Hund in den Holzstall,
  Steig auf den Taubenschlag, und sieh, ob der Schlitten nicht ankomt.

  Also sprach sie; da eilte die fleißige Magd aus der Küche.
  Lockte mit schimmlichem Brote den treuen Monarch in den Holzstall,
  Krampte die Thüre zu, und ließ ihn krazen und winseln;
70 Stieg auf den Taubenschlag, und pustete, rieb sich die Hände,
  Steckte sie unter die Schürz’, und schlug sich über die Schultern.
  Jezo sah sie im Nebel des fliegenden Schnees, wie der Schlitten
  Dicht vor dem Dorfe vom Berg’ herklingelte, stieg von der Lieter
  Eilend herab, und brachte der alten Mutter die Botschaft.

75 Aber mit bebenden Knieen enteilte die Mutter; ihr Herz schlug
  Ängstlich, ihr Odem war kurz, und im Laufen entflog ihr Pantoffel.
  Näher und näher kam das Klatschen der Peitsch’ und das Klingeln;
  Und nun schwebte der Schlitten herein durch die Pforte des Hofes,
  Hielt an der Thür’: und es schnoben, beschneit und dampfend, die Pferde.
80 Mütterchen eilte hinzu, und rief: Willkommen! Willkommen!
  Küßt’ und umarmte den lieben Sohn, der zuerst aus dem Schlitten
  Sprang, und half die Tochter aus dem zottigen Fußsack.
  Löst’ ihr die samtne Kapuz, und küßte sie; Thränen der Freude
  Liefen von ihrem Gesicht auf die schönen Wangen der Tochter.

85 Aber wo bleibt mein Vater? Er ist doch gesund am Geburtstag?
  Fragte der Sohn. Da tuschte die Mutter mit winkenden Händen:

  Still! Er schläft! Nun laßt die beschneiten Mäntel euch abziehn;
  Und dann weck ihn mit Küssen, du liebe trauteste Tochter!
  Armes Kind, das Gesicht ist dir recht roth von dem Ostwind!
90 Aber die Stub’ ist warm; und gleich sol der Kaffe bereit sein!

  Also sprach sie, und hängt’ an gedrechselte Pflöcke die Mäntel,
  Öffnete leise die Klink’, und ließ die Kinder hineingehn.
  Aber die junge Frau mit schönem lächelndem Antliz
  Hüpfte hinzu, und küßte des Greises Wange. Erschrocken
95 Sah er empor, und hing in seiner Kinder Umarmung.

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