Johann Wilhelm Ludwig Gleim Siegeslied nach der Schlacht bei… (1761)

  Im allerhöchsten Siegeston,
  Mehr Psalm als Siegeslied;
  Stolz, wie der Feind, eh' er geflohn,
  Bescheiden, wie er flieht;

5 Stolz, aber minder stolz als er,
  Beim Glück in seinem Krieg;
  Fürtrefflich, nicht fürtrefflicher,
  Als der erfochtne Sieg.

  Stark, wie der Krieger, welcher schlug;
10 Sanft, wie der Friede doch;
  Hoch, wie des Adlers Sonnenflug,
  Voll Gottes Wunder, hoch!

  Erhaben, wie des Helden Geist,
  Der Überwinder ist;
15 Wahr, daß selbst Feind den Sänger preist;
  Gott dankend, wie ein Christ;

  Kühn, wie ein Löwe um sich schaut,
  Im königlichen Gang;
  Wie kriegrische Trompete laut,
20 Erschalle mein Gesang!

  Denn überwunden ist der Feind,
  In Staub ist er gelegt,
  Verherrlicht steht der Menschenfreund,
  Der Gottes Rache trägt;

25 Gebändiget das stolze Wien,
  Gestürzt in dunkle Nacht;
  Und, Brüder! Gott hat Sieg verliehn,
  Dem Rechte, nicht der Macht.

  Drum singet herrlichen Gesang;
30 Wien zittere darob!
  Triumph! dem großen Gott sei Dank,
  Dem großen Friedrich Lob!

  Ein Starker, ein Allmächtiger
  Gewann für ihn die Schlacht.
35 «Als Rächer will ich, sprach der Herr,
  Zertreten ihre Macht.

  Mein Donner soll auf ihren Kopf
  Hart treffen; fressend Schwert
  Soll ihn zerspalten, daß der Zopf
40 Des Haars zurücke fährt!

  Vernichten will ich ihren Bund;
  Würgengel, steig herauf!
  Nimm, Hölle, nimm in deinen Schlund
  Die Scharen Toten auf!

45 Warum verschmäh'n in stolzer Pracht,
  Der Erde Fürsten mich?
  Verlassen sich auf ihre Macht,
  Stehn wider Friederich?

  Sind seiner großen Seele feind,
50 Die ich in ihn gelegt?
  Und machen, daß der Menschenfreund
  Gezwungen Waffen trägt?

  So trag er meine Rache dann,
  Und strafe sie!» -- So sprach
55 Der Herr; sein Himmel hört es an,
  Sein Donner sprach es nach.

  Und Friederich ward neuen Muts,
  Und neuer Weisheit voll,
  Betrübt, daß er des Menschenbluts
60 Nicht schonen kann, nicht soll.

  Was, Brüder, that er in der Nacht,
  Indem er dem Genuß
  Der Ruh' entsagte, nach der Schlacht?
  Er faßte weisen Schluß.

65 Den Feind bei Roßbach, den sein Arm
  Berührte mehr, als schlug,
  Fast zu barmherzig; und den Schwarm
  Der Hofrats-Waffen trug;

  Der, armes Sachsen, dein Barbar,
70 (Verwüstung zeichnet ihn,)
  Nicht aber dein Erretter war -- --
   Den, Brüder, ließ er fliehn!

   Vor uns ging er von Roßbach ab,
  Vor ihm ging Schrecken her!
75 Den Tag, den er uns Ruhe gab,
  Den hatten wir, nicht er!

  Er geht auf seiner Heldenbahn
   Unaufhaltsam; er geht
   So fort, als hätt' er nichts gethan,
80 Bis er am Ende steht.

  Wir trafen ihn bei Großenhain,
  Und hörten, vor ihm her,
  Den Flüchtigen um Leben schrein.
  Er gab ihm Leben; Er!

85 Der Haddick, welcher nach Berlin
  Des Krieges Greuel trug,
  Den, Brüder, sahn wir alle fliehn,
  Daß ihm das Herze schlug.

  Auch war mit seiner Heldenschar,
90 Held Marschall nicht zu sehn:
  Er kam davon, die Ursach war,
  Er lief, wir mußten gehn.

  Wir kamen ohne kleinen Krieg,
  Denn Friedrich war voran!
95 Wir kamen, singend unsern Sieg,
  Bei unsern Brüdern an!

  Da wallete der Helden Blut,
  Zu sehn den Menschenfreund!
  Da war ihr Auge lauter Glut,
100 Und suchte seinen Feind!

  Den fanden wir sonst allezeit
  Auf hohem Felsensitz,
  In Lagern blöder Sicherheit,
  Umschanzet mit Geschütz!

105 Was half, Collin! dem Grenadier
  Sieghafter Helden Mut?
  Zu mutig, Brüder, gaben wir
  Gebirgen unser Blut!

  Jetzt aber wurden wir verlacht,
110 Und, stolz auf ihre Zahl,
  Beschlossen sie zum Feld der Schlacht,
  Blachfeld das erste Mal.

  Zu feiern großes Siegesfest,
  Zu Wien beschlossen sie;
115 Hum! sagte Carl, der kleine Rest
  Ist unser, morgenfrüh!

  Brach auf mit seinem großen Heer,
  Das in Gedanken schlug;
  Schwarz zog es drohender einher,
120 Als Donnerwolkenzug;

  Bis es mit Sonnenuntergang
  Sich ruhig niederließ,
  Und Carl den Abendfeldgesang
  Die Pfeifer blasen hieß.

125 Da stützte mit der Rechten sich,
  In stolzer Siegesruh,
  Die ungeheure Last auf dich,
  Du kleines Niepern du!

  Du aber, Golau! zittertest
130 An ihrer linken Hand,
  Als, Tages drauf, der kleine Rest
  Dir gegenüber stand!

  Denn fortgebracht durch Kriegesschritt,
  Eh, als sie sichs versah,
135 Stand er, er stand mit starkem Tritt,
  In langer Mauer da!

  Welch hoher wunderbarer Glanz,
  Uns allen wunderbar,
  Erfüllte da die Gegend ganz,
140 Wo der Gesalbte war!

  Wo Er, der Geist von unserm Heer,
  Anordnete die Schlacht,
  Sah, wo zu überwinden wär',
   Mit kleiner, große Macht.

145 Starr mit den Augen stand der Feind,
   Als er ihn sah, wie wir;
  Was war es? Schwebte, Menschenfreund,
   Ein Engel über dir?

  War er im Wetter des Gefechts
150  Dein Engel? Schützt er dich?
  Dich, Lust des menschlichen Geschlechts!
  Dich, unsern Friederich!

   Hat er dein großes Herz erfüllt,
  Mit weiser Tapferkeit?
155  Wie? oder war, im Glanz gehüllt,
  Gott selbst mit dir im Streit?

  Ein Wunder aller Augen war,
  Als wir dich wieder sahn,
   Daß tausend schreckliche Gefahr,
160 Dir, Vater! nichts gethan.

  Zehntausend Donner brachen los,
   Zehntausend folgten nach;
  Groß war des Todes Ernte, groß!
  Laut, tausend Weh und Ach!

165  Uns schreckte fürchterlich Geschütz;
  Du führtest uns darauf!
  Nicht Donnerschlag, nicht roter Blitz,
  Hielt deine Helden auf.

  Auch folgt' uns in Gefahr und Streit,
170 Dein tapfrer Ferdinand,
  Zu sterben, Held! mit dir bereit,
  Den Tod fürs Vaterland!

  Wie schwarzer Todesengel Schar,
  Flohn Helden, deren Amt
175 Befehl an uns zu bringen war,
  Die Augen, wie geflammt.

  Ein Wort, so thaten Roß und Mann,
  Das ganze Todeswort!
  Griff donnervolle Schanzen an,
180 Schlug deine Feinde fort!

  Grausame kriegerische Lust,
  Zu töten, war noch nicht
  Gekommen sonst in unsre Brust,
  Getreten ins Gesicht.

185 Jetzt aber, Vater! hatten wir
  Nicht Herz, wir hatten Wut;
  Wir sahn den Feind mit Mordbegier,
  Und dürsteten sein Blut!

  Wir stampften Totenvolles Feld,
190 Zu haben blutgen Sieg!
  Warum empört die ganze Welt,
  Sich wider dich in Krieg?

  Wir brannten alle Feuerrot,
  Hoch hob sich unser Herz!
195 Wir waren alle lauter Tod,
  Und Tod war unser Scherz.

  Zu rächen jeden Tropfen Blut,
  Der unter Bevern floß,
  War alles Feuer, schäumte Wut,
200 Schnob Rache Mann und Roß!

  Unmenschlich gaben wir nicht mehr
  Dem Bitten und dem Flehn
  Der Knieenden vor uns Gehör,
  So schnell es sonst geschehn!

205 Wir holten auf der schnellen Flucht
  Des Feindes Fersen ein!
  Warum war er voll Siegessucht?
  Gestrafet mußt er sein!

  Nicht Tiger, menschliches Geschlecht,
210 Glühn wider sich, wie du!
  Wir, Menschen, riefen im Gefecht:
  Sterbt Hunde! Menschen zu.

  Doch Kriegesmuse! singe nicht
  Die ganze Menschenschlacht;
215 Brich ab das schreckliche Gedicht,
  Und sag: Es wurde Nacht!

  Und sage: Friederich, der Held,
  Dacht einsam: «Großer Sieg,
  Berede doch die ganze Welt,
220 Zu endigen den Krieg;

  Weil Gott mir sichtbar hilft, mein Heer
  Durch ihn die Schlacht gewinnt,
  Und Völker, wie der Sand am Meer,
  Ihm Spreu im Winde sind!»

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