Johann Wolfgang von Goethe

Monolog des Tasso (1801)

  Bist du aus einem Traum erwacht, und hat
  Der schoene Trug auf einmal dich verlassen?
  Hat dich nach einem Tag der hoechsten Lust
  Ein Schlaf gebaendigt, haelt und aengstet nun
5 Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,
  Du wachst und traeumst. Wo sind die Stunden hin,
  Die um dein Haupt mit Blumenkraenzen spielten?
  Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht
  Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?
10 Und dennoch lebst du noch, und fuehlst dich an,
  Du fuehlst dich an, und weisst nicht, ob du lebst.
  Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,
  Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?
  Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?
15 Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?
  Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,
  Vom Hoffnungswahn des Herzens uebereilt:
  Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn traegt.
  Ich ging mit offnen Armen auf ihn los
20 Und fuehlte Schloss und Riegel, keine Brust.
  O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,
  Wie ich den Mann empfangen wollte, der
  Von alten Zeiten mir verdaechtig war!
  Allein was immer dir begegnet sei,
25 So halte dich an der Gewissheit fest:
  Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!
  Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!
  Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,
  Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht
30 Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glueck!
  Und hob mein Geist sich da zu schnell empor
  Und liess ich allzu rasch in meinem Busen
  Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,
  So kann mich's nicht gereun, und waere selbst
35 Auf ewig das Geschick des Lebens hin.
  Ich widmete mich ihr und folgte froh
  Dem Winke, der mich ins Verderben rief.
  Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt
  Des koestlichen Vertrauns, das mich erquickt,
40 In dieser Stunde selbst erquickt, die mir
  Die schwarze Pforte langer Trauerzeit
  Gewaltsam oeffnet.--Ja, nun ist's getan!
  Es geht die Sonne mir der schoensten Gunst
  Auf einmal unter; seinen holden Blick
45 Entziehet mir der Fuerst, und laesst mich hier
  Auf duestrem, schmalen Pfad verloren stehn.
  Das haessliche zweideutige Gefluegel,
  Das leidige Gefolg' der alten Nacht,
  Es schwaermt hervor und schwirrt mir um das Haupt.
50 Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,
  Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,
  Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?