Josef Kenner Der Liedler

  Gib, Schwester, mir die Harf' herab,
  Gib mir Biret und Wanderstab,
  Kann hier nicht fürder weilen!
  Bin ahnenlos, bin nur ein Knecht
5 Bin für die edle Maid zu schlecht,
  Muß stracks von hinnen eilen.

  "Still, Schwester, bist gottlob nun Braut,
  Wirst morgen Wilhelm angetraut,
  Soll mich nichts weiter halten.
10 Nun küsse mich, leb, Trude, wohl!
  Dies Herze, schmerz- und liebevoll,
  Laß Gott den Herrn bewalten."

  Der Liedler zog durch manches Land
  Am alten Rhein- und Donaustrand,
15 Wohl über Berg und Flüsse.
  Wie weit er flieht, wohin er zieht,
  Er trägt den Wurm im Herzen mit
  Und singt nur sie, die Süße.

  Und er's nicht länger tragen kann,
20 Tät sich mit Schwert und Panzer an,
  Den Tod sich zu erstreiten.
  Im Tod ist Ruh, im Grab ist Ruh,
  Das Grab deckt Herz und Wünsche zu;
  Ein Grab will er erreiten.

25 Der Tod ihn floh, und Ruh ihn floh!
  Des Herzogs Banner flattert froh
  Der Heimat Gruß entgegen,
  Entgegen wallt, entgegen schallt
  Der Freunde Gruß durch Saat und Wald
30 Auf allen Weg' und Stegen.

  Da ward ihm unterm Panzer weh!
  Im Frührot glüht der ferne Schnee
  Der heimischen Gebirge;
  Ihm war, als zög's mit Hünenkraft
35 Dahin sein Herz, der Brust entrafft,
  Als ob's ihn hier erwürge.

  Da konnt er's fürder nicht bestehn:
  "Muß meine Heimat wiedersehn,
  Muß sie noch einmal schauen!"
40 Die mit der Minne Rosenhand
  Sein Herz an jene Berge band,
  Die herrlichen, die blauen!

  Da warf er Wehr und Waffe weg,
  Sein Rüstzeug weg ins Dorngeheg;
45 Die liederreichen Saiten,
  Die Harfe nur, der Süßen Ruhm,
  Sein Klagespsalm, sein Heiligtum,
  Soll ihn zurückbegleiten.

  Und als der Winter trat ins Land,
50 Der Frost im Lauf die Ströme band,
  Betrat er seine Berge.
  Da lag's, ein Leichentuch von Eis,
  Lag's vorn und neben totenweiß,
  Wie tausend Hünensärge!

55 Lag's unter ihm, sein Muttertal,
  Das gräflich Schloß im Abendstrahl,
  Wo Milla drin geborgen.
  Glück auf, der Alpe Pilgerruh
  Winkt heute Ruh dir Ärmster zu:
60 Zur Feste, Liedler, morgen!

  Ich hab nicht Rast, ich hab nicht Ruh,
  Muß heute noch der Feste zu,
  Wo Milla drin geborgen.
  "Bist starr, bist blaß!" Bin totenkrank,
65 Heut ist noch mein! Tot, Gott sei Dank,
  Tot find't mich wohl der Morgen.

  Horch Maulgetrab, horch Schellenklang!
  Vom Schloß herab der Alp' entlang
  Zog's unter Fackelhelle.
70 Ein Ritter führt ihm angetraut,
  Führt Milla heim als seine Braut.
  Bist Liedler schon zur Stelle!

  Der Liedler schaut und sank in sich.
  Da bricht und schnaubet wütiglich
75 Ein Werwolf durchs Gehege,
  Die Maule fliehn, kein Saum sie zwingt.
  Der Schecke stürzt. Weh! Milla sinkt
  Ohnmächtig hin am Wege.

  Da riß er sich, ein Blitz, empor,
80 Zum Hort der Heißgeminnten vor,
  Hoch auf des Untiers Nacken
  Schwang er sein teures Harfenspiel,
  Daß es zersplittert niederfiel,
  Und Nick und Rachen knacken.

85 Und wenn er stark wie Simson wär',
  Erschöpft mag er und sonder Wehr
  Den Grimmen nicht bestehen.
  Vom Busen, vom zerfleischten Arm
  Quillt's Herzblut nieder, liebewarm,
90 Schier denkt er zu vergehen.

  Ein Blick auf sie, und alle Kraft
  Mit einmal er zusammenrafft,
  Die noch verborgen schliefe!
  Ringt um den Werwolf Arm und Hand,
95 Und stürzt sich von der Felsenwand
  Mit ihm in schwindle Tiefe.

  Fahr, Liedler, fahr auf ewig wohl!
  Dein Herze schmerz- und liebevoll
  Hat Ruh im Grab gefunden!
100 Das Grab ist aller Pilger Ruh,
  Das Grab deckt Herz und Wünsche zu,
  Macht alles Leids gesunden.

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