Joseph Christian Freiherr von Zedlitz Die Dorfkirche (1830)

  In einem Dorf, am frühen Morgen,
  sah ich ein Kirchlein offen stehn,
  und wie's mir freundlich schien zu winken,
  trieb mich mein Herz, hinein zu gehn.

5 Nur wenig Beter fand ich knieen,
  denn Werktag war's, und Erntezeit;
  ein greiser Priester sprach den Segen
  und hielt das heil'ge Mahl bereit.

  Da naht ein Weib sich dem Altare,
10 den zarten Saugling an der Brust,
  ihr Antlitz schwamm in Doppelglutender
  Andacht und der Mutterlust.

  Und als ihr Mund das Brot des Lebens
  empfangen aus des Priesters Hand,
15 sie's kaum berührt mit ihren Lippen
  und mit verklärtem Blicke stand:

  da drückte schnell in hoher Wonne
  sie an den Mund den Säugling zart,
  reicht' ihm den Teil der Himmelsspeise,
20 den sie ihm liebend aufbewahrt.

  O süße Macht der Mutterliebe,
  du Götterblume dieser Welt,
  die Alles teilt, den Leib des Herren
  selbst nicht für sich allein behält;

25 du würdest auch, wie Pelikane
  die Brust sich öffnen für die Brut,
  noch deine Kinder wohl ernähren
  mit deinem Herzensblut.

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