Joseph von Eichendorff Zauberblick (1823)
Die Burg die liegt verfallen
In schöner Einsamkeit,
Dort saß ich vor den Hallen
Bei stiller Mittagszeit.
5 Es ruhten in der Kühle
Die Rehe auf dem Wall
Und tief in blauer Schwüle
Die sonn’gen Täler all.
Tief unten hört’ ich Glocken
10 In weiter Ferne geh’n,
Ich aber mußt erschrocken
Zum alten Erker seh’n.
Denn in dem Fensterbogen
Ein’ schöne Fraue stand,
15 Als hütete sie droben
Die Wälder und das Land.
Ihr Haar, wie’n gold’ner Mantel,
War tief herabgerollt;
Auf einmal sie sich wandte,
20 Als ob sie sprechen wollt’.
Und als ich schauernd lauschte –
Da war ich aufgewacht,
Und unter mir schon rauschte
So wunderbar die Nacht.
25 Träumt’ ich im Mondesschimmer?
Ich weiß nicht, was mir graut,
Doch das vergess’ ich nimmer,
Wie sie mich angeschaut!
Bibliographische Daten
Joseph von Eichendorff (1788-1857)
Zauberblick
Die Burg die liegt verfallen …
1823
Spätromantik
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