Julius Karl Reinhold Sturm Im Frühling

  Der Frühling kam, der Frühling rief
  Vom Berg in's Tal hinunter:
  Wär' euer Schlaf auch noch so tief,
  Ihr Schläfer, werdet munter!"

5 Da regten tausend Keime sich
  Und wurden stark und stärker,
  Und dehnten sich und streckten sich
  Und sprengten ihre Kerker.

  Da traten Blätter zart und weich
10 Aus kleinen braunen Wiegen,
  Um schüchtern an den schlanken Zweig
  Sich innig anzuschmiegen.

  Da sprang Schneeglöckchen pfeilgeschwind
  Aus seinem grünen Bette;
15 Es glaubte schon das schöne Kind,
  Daß es verschlafen hätte.

  Da öffneten sich allzumal
  Die Särge der Winterschläfer;
  Da spielten in der Sonne Strahl
20 Die Mücken und die Käfer.

  Da wurden auch die Veilchen wach,
  Die tief im Grase wohnen,
  Und bunte Primeln folgten nach
  Und weiße Anemonen.

25 Da fing mein Herz zu klopfen an,
  So schmerzlich und so bange;
  Ein Strom von bittern Tränen rann
  Heiß über meine Wange.

  Der Lieben hab' ich still gedacht,
30 Die grüne Hügel decken,
  Und die der Lenz mit seiner Macht
  Nicht kann vom Schlaf erwecken.

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