Karl Egon Ebert Frau Hitt (1846)

  Tyroler Volkssage

  Wo schroff die Straße und schwindlig jäh
  Hernieder leitet zum Inn,
  Dort saß auf der mächtigen Bergeshöh'
5 Am Weg eine Bettlerin.

  Ein nacktes Kindlein lag ihr im Arm,
  Und schlummert' in süßer Ruh',
  Die zärtliche Mutter hüllt' es warm,
  Und wiegt' es, und seufzte dazu:

10 »Du freundlicher Knabe, du liebliches Kind,
  »Dich zieh' ich gewiß nicht groß,
  »Bist ja der Sonne, dem Schnee, und dem Wind
  »Und allem Elend bloß.«

  »Zur Speise hast du ein hartes Brod,
15 »Das ein Anderer nimmer mag,
  »Und wenn dir Jemand ein Aepflein bot,
  »So war es dein bester Tag.«

  »Und blickt doch, du Armer, dein Auge hold,
  »Wie des Junkers Auge so klar,
20 »Und ist doch dein Haar so reines Gold,
  »Wie des reichsten Knaben Haar.«

  So klagte sie bitter und weinte sehr,
  Als Lärmen an's Ohr ihr schlug,
  Mit Jauchzen trabte die Straße einher
25 Ein glänzender Reiterzug.

  Voran auf falbem, schnaubenden Roß
  Die herrlichste aller Frau'n,
  Im Mantel, der strahlend vom Nacken ihr floß,
  Wie ein schimmernder Stern zu schau'n.

30 Die strahlende Herrin war Frau Hitt,
  Die Reichste im ganzen Land,
  Doch auch die Aermste an Tugend und Sitt',
  Die rings im Lande man fand.

  Ihr Goldroß hielt die Stolze an
35 Und hob sich mit leuchtendem Blick,
  Und spähte hinunter und spähte hinan,
  Und wandte sich dann zurück:

  »Blickt rechts, blickt links hin die Fern',
  »Blickt vor- und rückwärts herum,
40 »So weit ihr überall schaut, ihr Herrn,
  »Ist all mein Eigenthum.«

  »Viel tapfre Vasallen gehorchen mir,
  »Beim ersten Winke bereit;
  »Fürwahr, ich bin eine Fürstin hier,
45 »Und fehlt nur das Purpurkleid!«

  Die Bettlerin hört's und rafft sich auf,
  Und steht vor der Schimmernden schon,
  Und hält den weinenden Knaben hinauf,
  Und fleht in kläglichem Ton:

50 »O seht dies Kind, des Jammers Bild,
  »Erbarmet, erbarmt euch sein,
  »Und hüllet das zitternde Würmlein mild
  »In ein Stückchen Linnen ein!«

  »»Weib, bist du rasend?«« zürnt die Frau,
55 »»Wo nähm' ich Linnen her?
  »»Nur Seid' ist, was an mir ich schau',
  »»Von funkelndem Golde schwer.««

  »Gott hüte, daß ich begehren sollt',
  »Was fremde mein Mund nur nennt,
60 »O, so gebt mir, gebet, was Ihr wollt,
  »Und was Ihr entbehren könnt!«

  Da zieht Frau Hitt ein hämisch Gesicht,
  Und neigt sich zur Seite hin,
  Und bricht einen Stein aus der Felsenschicht,
65 Und reicht ihn der Bettlerin.

  Da ergreift die Verachtete wüthender Schmerz,
  Sie schreit, daß die Felswand dröhnt:
  »O würdest du selber zu hartem Erz,
  »Die den Jammer des Armen höhnt!«

70 Sie schreit's, und der Tag verkehrt sich in Nacht,
  Und heulende Stürme ziehn,
  Und brüllender Donner rollt und kracht,
  Und zischende Blitze glühn.

  Den stutzenden Falben spornt Frau Hitt –
75 »Ei, Wilder, was bist du so faul?«
  Sie treibt ihn durch Hieb und Stöße zum Ritt,
  Doch fühllos steht der Gaul.

  Und plötzlich fühlt sie sich selbst so erschlafft,
  Und gebrochen den kecken Muth,
80 In jeglicher Sehne stirbt die Kraft,
  In den Adern stockt das Blut.

  Herunter will sie sich schwingen vom Roß,
  Doch versagen ihr Fuß und Hand,
  Entsetzt will sie rufen den Rittertroß,
85 Doch die Zunge ist festgebannt.

  Ihr Antlitz wird so finster und bleich,
  Ihr herrisches Aug' erstarrt,
  Ihr Leib, so glatt und zart und weich,
  Wird rauh und grau und hart.

90 Und unter ihr strecken sich Felsen hervor,
  Und heben vom Boden sie auf,
  Und wachsen, und steigen riesig empor
  In die schaurige Nacht hinauf.

  Und droben sitzt, ein Bild von Stein,
95 Frau Hitt im Donnergeroll,
  Und schaut, umzuckt von der Blitze Schein,
  In's Land so grausenvoll.

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