Ludwig Christoph Heinrich Hölty Auf den Tod einer Nachtigall (1774)

  Sie ist dahin, die Maienlieder tönte,
  Die Sängerin,
  Die durch ihr Lied den ganzen Hain verschönte,
  Sie ist dahin!
5 Sie, deren Ton mir in die Seele hallte,
  Wenn ich am Bach,
  Der durch Gebüsch im Abendgolde wallte,
  Auf Blumen lag!

  Sie gurgelte, tief aus der vollen Kehle,
10 Den Silberschlag:
  Der Widerhall in seiner Felsenhöhle
  Schlug leis ihn nach.
  Die ländlichen Gesäng' und Feldschalmeien
  Erklangen drein;
15 Es tanzeten die Jungfraun ihre Reihen
  Im Abendschein.

  Auf Moose horcht' ein Jüngling mit Entzücken
  Dem holden Laut,
  Und schmachtend hing an ihres Lieblings Blicken
20 Die junge Braut:
  Sie drückten sich bei jeder deiner Fugen
  Die Hand einmal,
  Und hörten nicht, wenn deine Schwestern schlugen,
  O Nachtigall!

25 Sie horchten dir, bis dumpf die Abendglocke
  Des Dorfes klang,
  Und Hesperus, gleich einer goldnen Flocke,
  Aus Wolken drang;
  Und gingen dann im Wehn der Maienkühle
30 Der Hütte zu,
  Mit einer Brust voll zärtlicher Gefühle,
  Voll süßer Ruh.

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