Ludwig Tieck Liebe kam aus fernen Landen (1798)
Liebe kam aus fernen Landen
Und kein Wesen folgte ihr,
Und die Göttin winkte mir,
Schlang mich ein mit süßen Banden.
5 Da begann ich Schmerz zu fühlen,
Tränen dämmerten den Blick:
Ach! was ist der Liebe Glück,
Klagt' ich, wozu dieses Spielen?
Keinen hab' ich weit gefunden,
10 Sagte lieblich die Gestalt,
Fühle du nun die Gewalt,
Die die Herzen sonst gebunden.
Alle meine Wünsche flogen
In der Lüfte blauen Raum,
15 Ruhm schien mir ein Morgentraum,
Nur ein Klang der Meereswogen.
Ach! wer löst nun meine Ketten?
Denn gefesselt ist der Arm,
Mich umfleucht der Sorgen Schwarm;
20 Keiner, keiner will mich retten?
Darf ich in den Spiegel schauen,
Den die Hoffnung vor mir hält?
Ach, wie trügend ist die Welt!
Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.
25 O, und dennoch laß nicht wanken,
Was dir nur noch Stärke gibt,
Wenn die Einz'ge dich nicht liebt,
Bleib nur bittrer Tod dem Kranken.
Bibliographische Daten
Ludwig Tieck (1773-1853)
Liebe kam aus fernen Landen
Liebe kam aus fernen Landen …
1798
Frühromantik
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