Ludwig Uhland Der Mohn (1829)

  Wie dort, gewiegt von Westen,
  Des Mohnes Blüte glänzt!
  Die Blume, die am besten
  Des Traumgotts Schläfe kränzt;
5 Bald purpurhell, als spiele
  Der Abendröte Schein,
  Bald weiß und bleich, als fiele
  Des Mondes Schimmer ein.

  Zur Warnung hört ich sagen,
10 Daß, der im Mohne schlief,
  Hinunter ward getragen
  In Träume schwer und tief;
  Dem Wachen selbst geblieben
  Sei irren Wahnes Spur,
15 Die Nahen und die Lieben
  Halt' er für Schemen nur.

  In meiner Tage Morgen,
  Da lag auch ich einmal,
  Von Blumen ganz verborgen,
20 In einem schönen Tal.
  Sie dufteten so milde!
  Da ward, ich fühlt es kaum,
  Das Leben mir zum Bilde,
  Das Wirkliche zum Traum.

25 Seitdem ist mir beständig,
  Als wär es nur so recht,
  Mein Bild der Welt lebendig,
  Mein Traum nur wahr und echt;
  Die Schatten, die ich sehe,
30 Sie sind wie Sterne klar.
  O Mohn der Dichtung! wehe
  Ums Haupt mir immerdar!

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