Nikolaus Lenau Das Mondlicht (1831)

  Dein gedenkend irr' ich einsam
  Diesen Strom entlang;
  Könnten lauschen wir gemeinsam
  Seinem Wellenklang!

5 Könnten wir zusammenschauen
  In den Mond empor,
  Der da drüben aus den Auen
  Leise taucht hervor.

  Freundlich streut er meinem Blicke
10 Aus dem Silberschein
  Stromhinüber eine Brücke
  Bis zum stillen Hain. –

  Wo des Stromes frohe Wellen
  Durch den Schimmer zieh'n,
15 Seh' ich, wie hinab die schnellen
  Unaufhaltsam flieh'n.

  Aber wo im schimmerlosen
  Dunkel geht die Fluth,
  Ist sie nur ein dumpfes Tosen,
20 Das dem Auge ruht. –

  Daß doch mein Geschick mir brächte
  Einen Blick von dir!
  Süßes Mondlicht meiner Nächte,
  Mädchen, bist du mir!

25 Wenn nach dir ich oft vergebens
  In die Nacht geseh'n,
  Scheint der dunkle Strom des Lebens
  Traurend still zu steh'n;

  Wenn du über seinen Wogen
30 Strahlest zauberhell,
  Seh ich sie dahingezogen,
  Ach, nur allzuschnell!

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