Nikolaus Lenau Der Lenz (1831)

  Da kommt der Lenz, der schöne Junge,
  Den Alles lieben muß,
  Herein mit einem Freudensprunge,
  Und lächelt seinen Gruß;

5 Und schickt sich gleich mit frohem Necken
  Zu all' den Streichen an,
  Die er auch sonst dem alten Recken,
  Dem Winter, angethan.

  Er gibt sie frei die Bächlein alle,
10 Wie auch der Alte schilt,
  Die der in seiner Eisesfalle
  So streng gefangen hielt.

  Schon zieh'n die Wellen flink von dannen
  Mit Tanzen und Geschwätz,
15 Und spötteln über des Tyrannen
  Zerronnenes Gesetz.

  Den Jüngling freut es, wie die raschen
  Hinlärmen durchs Gefild,
  Und sich aus leichten Fingern haschen
20 Sein aufgeblühtes Bild.

  Froh lächelt seine Mutter Erde
  Nach ihrem langen Harm;
  Sie schlingt mit jubelnder Geberde
  Das Söhnlein in den Arm.

25 In ihren Busen greift der Lose
  Und zieht ihr schmeichelnd keck
  Das sanfte Veilchen und die Rose
  Hervor aus dem Versteck.

  Und sein geschmeidiges Gesinde
30 Schickt er zu Berg und Thal:
  "Sagt, daß ich da bin, meine Winde,
  Den Freunden allzumal!"

  Er zieht das Herz an Liebesketten
  Rasch über manche Kluft,
35 Und schleudert seine Singraketen,
  Die Lerchen, in die Luft.

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