Nikolaus Lenau Die Ferne (1828)
Des Berges Gipfel war erschwungen,
Der trotzig in die Tiefe schaut;
Natur, von deinem Reiz durchdrungen,
Wie schlug mein Herz so frei, so laut!
5 Behaglich streckte dort das Land sich
In Ebnen aus, weit, endlos weit,
Mit Türmen, Wald und Flur, und wand sich
Der Ströme Zier ums bunte Kleid;
Hier stieg es plötzlich und entschlossen
10 Empor, stets kühner himmelan,
Mit Eis und Schnee das Haupt umgossen,
Vertrat den Wolken ihre Bahn.
Bald hing mein Auge freudetrunken
Hier an den Felsen, schroff und wild;
15 Bald war die Seele still versunken
Dort in der Ferne Rätselbild.
Die dunkle Ferne sandte leise
Die Sehnsucht, ihre Schwester, mir,
Und rasch verfolgt ich meine Reise
20 Den Berg hinab, zu ihr, zu ihr:
Wie manchen Zauber mag es geben,
Den die Natur auch dort ersann;
Wie mancher Biedre mag dort leben,
Dem ich die Hand noch drücken kann!
Bibliographische Daten
Nikolaus Lenau (1802-1850)
Die Ferne
Des Berges Gipfel war erschwungen, …
1828
Spätromantik
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