Nikolaus Lenau Die Heideschenke (1833)

  Ich zog durch's weite Ungerland;
  Mein Herz fand seine Freude,
  Als Dorf und Busch und Baum verschwand
  Auf einer stillen Heide.

5 Die Heide war so still, so leer,
  Am Abendhimmel zogen
  Die Wolken hin, gewitterschwer,
  Und leise Blitze flogen.

  Da hört' ich in der Ferne was,
10 In dunkler, meilenweiter;
  Ich legte 's Ohr an's knappe Gras,
  Mir war, als kämen Reiter.

  Und als sie kamen näherwärts,
  Begann der Grund zu zittern,
15 Stets bänger, wie ein zages Herz
  Bei nahenden Gewittern.

  Hertobte nun ein Pferdehauf,
  Von Hirten angetrieben
  Zu rastlos wildem Sturmeslauf,
20 Mit lauten Geißelhieben.

  Der Rappe peitscht den Grund geschwind
  Zurück mit starken Hufen,
  Wirft aus dem Wege sich den Wind,
  Hört nicht sein scheltend Rufen.

25 Gezwungen ist in strenge Haft
  Des Wildfangs tolles Jagen,
  Denn klammernd herrscht des Reiters Kraft,
  Um seinen Bauch geschlagen.

  Sie flogen hin, woher mit Macht
30 Das Wetter kam gedrungen;
  Verschwanden – ob die Wolkennacht
  Mit einmal sie verschlungen.

  Doch meint' ich nun und immer noch
  Zu hören und zu sehen
35 Der Hufe donnerndes Gepoch,
  Der Mähnen schwarzes Wehen.

  Die Wolken schienen Rosse mir,
  Die eilend sich vermengten,
  Des Himmels hallendes Revier
40 Im Donnerlauf durchsprengten.

  Der Sturm ein wackrer Rosseknecht,
  Sein muntres Liedel singend,
  Daß sich die Heerde tummle recht,
  Des Blitzes Geißel schwingend.

45 Schon rannten sich die Rosse heiß,
  Matt ward der Hufe Klopfen,
  Und auf die Heide sank ihr Schweiß
  In schweren Regentropfen.

  Die Dämmerung brach nun herein,
50 Mir winkt' von fernen Hügeln
  Herüber weißer Wände Schein,
  Die Schritte zu beflügeln.

  Es schwieg der Sturm, das Wetter schwand;
  Froh, daß es fortgezogen,
55 Sprang über's ganze Heideland
  Der junge Regenbogen.

  Die Hügel nahten allgemach;
  Die Sonne wies im Sinken
  Mir noch von Rohr das braune Dach,
60 Ließ hell die Fenster blinken.

  Am Giebel tanzte, wie berauscht
  Des Weines grüner Zeiger,
  Und als ich freudig hingelauscht,
  Hört' ich Gesang und Geiger.

65 Bald kehrt' ich ein und sezte mich
  Allein mit meinem Kruge;
  An mir vorüber drehte sich
  Der Tanz in raschem Fluge.

  Die Dirnen waren frisch und jung
70 Und hatten schlanke Leiber,
  Gar flink im Drehen, leicht im Sprung;
  Die Bursche – waren Räuber.

  Die Hände klatschten und im Takt
  Hell klirrt des Spornes Eisen;
75 Das Lied frohlocket und es klagt
  Schwermüthig kühne Weisen.

  Ein Räuber singt: »Wir sind so frey,
  »So selig, meine Brüder!«
  Am Jubeln seines Munds vorbei
80 Schleicht eine Thräne nieder.

  Der Hauptmann sizt, auf seinen Arm
  Das braune Antlitz senkend,
  Er scheint entrückt dem lauten Schwarm,
  Wie an sein Schicksal denkend.

85 Das Feuer seiner Augen bricht
  Hindurch die finstern Brauen,
  Wie Nachts im Wald der Flamme Licht
  Durch Büsche ist zu schauen.

  Wächst aber Sang und Sporngeklirr
90 Nun kühner den Genossen,
  Seh' ich das leere Weingeschirr
  Ihn kräftig niederstoßen.

  Ein Mädel sitzt an seiner Seit',
  Scheint ihn als Kind zu ehren,
95 Und gerne hier der Fröhlichkeit
  Des Tanzes zu entbehren.

  Auf ihren Reizen ruht sein Blick
  Mit innigem Behagen,
  Zugleich auf seines Kind's Geschick
100 Mit heimlichem Beklagen. –

  Stets wilder in die Seelen geigt
  Nun die Zigeunerbande,
  Der Freude süßes Rasen steigt
  Laut auf zum höchsten Brande.

105 Und selbst des Hauptmanns Angesicht
  Hat Freude überkommen; –
  Da dacht' ich an das Hochgericht,
  Und ging hinaus, beklommen.

  Die Heide war so still, so leer,
110 Am Himmel nur war Leben,
  Ich sah der Sterne strahlend Heer,
  Des Mondes Völle schweben.

  Der Hauptmann auch entschlich dem Haus;
  Mit wachsamer Geberde
115 Rings horcht' er in die Nacht hinaus,
  Dann horcht' er in die Erde,

  Ob er nicht höre schon den Tritt
  Ereilender Gefahren,
  Ob leise nicht der Grund verrieth'
120 Ansprengende Husaren.

  Er hörte nichts, da blieb er steh'n,
  Um in die hellen Sterne
  Um in den hellen Mond zu seh'n,
  Als möcht' er sagen gerne:

125 »O Mond im weißen Unschuldskleid!
  »Ihr Sterne dort, unzählig!
  »In eurer stillen Sicherheit,
  »Wie wandert ihr so selig!«

  Er lauschte wieder – und er sprang
130 Und rief hinein zum Hause,
  Und seiner Stimme Macht verschlang
  Urplötzlich das Gebrause.

  Und eh' das Herz mir dreimal schlug,
  So saßen sie zu Pferde,
135 Und auf und davon im schnellen Flug,
  Daß rings erbebte die Erde.

  Doch die Zigeuner blieben hier,
  Die feurigen Gesellen,
  Und spielten alte Lieder mir
140 Rakoczy's, des Rebellen.

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