Nikolaus Lenau Erinnerung (1829)

  Erinn’rungsvoller Baum, du stehst in Trauer;
  Dein Laub ist welk, mein Leben ist es auch.
  Mein Herz durchziehen bange Wehmutschauer,
  Wie dein Gezweig des Herbstes kühler Hauch.

5 Hier saßen wir in abendlicher Stille,
  Sanft bebte über uns dein flüsternd Grün,
  Auf jenen Höh’n, die nun in Nebelhülle,
  Verweilte noch der Sonne leztes Glüh’n.

  Wie selig hielt das Mädchen ich umfangen,
10 Und horchte ihrem leisen Liebesschwur;
  Und holder lachten uns die Blütenwangen
  Der auferwachten göttlichen Natur.

  Doch hatte kaum der Lenz die sanfte Seele
  Verhaucht, und seine Blüten hingestreut,
15 Kaum war verstummt im Hain die süße Kehle:
  War auch dahin der Liebe Seligkeit.

  O traure, Herz, vorüber sind die Tage,
  Da liebend dir ein Herz entgegenschlug,
  Die andern schleichen hin in stiller Klage,
20 Der toten Liebe finstrer Leichenzug.

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