Rainer Maria Rilke Die Stille (1902)
Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht . . .
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
5 Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider,
und auch das ist Geräusch bis zu dir.
Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder . . .
. . . aber warum bist du nicht hier.
Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
10 bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzügen heben und senken
die Sterne sich.
15 Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.
Bibliographische Daten
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Die Stille
Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände – …
1902
Symbolismus
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