Rainer Maria Rilke Orpheus. Eurydike. Hermes (1904)

  Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
  Wie stille Silbererze gingen sie
  als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
  entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
5 und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
  Sonst war nichts Rotes.

  Felsen war da
  und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
  und jener große graue blinde Teich,
10 der über seinem fernen Grunde hing
  wie Regenhimmel über einer Landschaft.
  Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
  erschien des einen Weges blasser Streifen,
  wie eine lange Bleiche hingelegt.

15 Und dieses einen Weges kamen sie.

  Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
  der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
  Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
  in großen Bissen; seine Hände hingen
20 schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
  und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
  die in die Linke eingewachsen war
  wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
  Und seine Sinne waren wie entzweit:
25 indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
  umkehrte, kam und immer wieder weit
  und wartend an der nächsten Wendung stand, –
  blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
  Manchmal erschien es ihm als reichte es
30 bis an das Gehen jener beiden andern,
  die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
  Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
  und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
  Er aber sagte sich, sie kämen doch;
35 sagte es laut und hörte sich verhallen.
  Sie kämen doch, nur wärens zwei
  die furchtbar leise gingen. Dürfte er
  sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
  nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
40 das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
  die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

  Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
  die Reisehaube über hellen Augen,
  den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
45 und flügelschlagend an den Fußgelenken;
  und seiner linken Hand gegeben: sie.

  Die So-geliebte, daß aus einer Leier
  mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
  daß eine Welt aus Klage ward, in der
50 alles noch einmal da war: Wald und Tal
  und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
  und daß um diese Klage-Welt, ganz so
  wie um die andre Erde, eine Sonne
  und ein gestirnter stiller Himmel ging,
55 ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen – :
  Diese So-geliebte.

  Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
  den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
  unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
60 Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
  und dachte nicht des Mannes, der voranging,
  und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
  Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
  erfüllte sie wie Fülle.
65 Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
  so war sie voll von ihrem großen Tode,
  der also neu war, daß sie nichts begriff.

  Sie war in einem neuen Mädchentum
  und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
70 wie eine junge Blume gegen Abend,

  und ihre Hände waren der Vermählung
  so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
  unendlich leise, leitende Berührung
  sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

75 Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
  die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
  nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
  und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

  Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
80 und hingegeben wie gefallner Regen
  und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

  Sie war schon Wurzel.

  Und als plötzlich jäh
  der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
85 die Worte sprach: Er hat sich umgewendet –,
  begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

  Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
  stand irgend jemand, dessen Angesicht
  nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
90 wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
  mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
  sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
  die schon zurückging dieses selben Weges,
  den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
95 unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

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