Rainer Maria Rilke Requiem
Clara Westhoff gewidmet (1904)

  Seit einer Stunde ist um ein Ding mehr
  auf Erden. Mehr um einen Kranz.
  Vor einer Weile war das leichtes Laub . . . Ich wands:
  Und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer
5 und so von Dunkel voll, als tränke er
  aus meinen Dingen zukünftige Nächte.
  Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,
  allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,
  nicht ahnend, daß da etwas wird,
10 wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;
  ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:
  daß etwas nichtmehr sein kann. Wie verirrt
  in nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,
  die ich schon einmal gesehen haben muß . . .

15 . . . Flußabwärts treiben die Blumen, welche die Kinder
  gerissen haben im Spiel; aus den offenen Fingern fiel
  eine und eine, bis daß der Strauß nicht mehr zu erkennen
  war. Bis der Rest, den sie nachhaus gebracht,
  gerade gut zum Verbrennen war. Dann konnte man ja
20 die ganze Nacht, wenn einen alle schlafen meinen, um
  die gebrochenen Blumen weinen.

  Gretel, von allem Anbeginn
  war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,
  blond zu sterben.
25 Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.
  Darum stellte der Herr eine Schwester vor dich
  und dann einen Bruder,
  damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,
  welche das Sterben dir zeigten,
30 das deine:
  dein Sterben.
  Deine Geschwister wurden erfunden.
  nur, damit du dich daran gewöhntest,
  und dich an zweien Sterbestunden
35 mit der dritten versöhntest,
  die dir seit Jahrtausenden droht.
  Für deinen Tod
  sind Leben erstanden;
  Hände, welche Blüten banden,
40 Blicke, welche die Rosen rot
  und die Menschen mächtig empfanden,
  hat man gebildet und wieder vernichtet
  und hat zweimal das Sterben gedichtet,
  eh es, gegen dich selbst gerichtet,
45 aus der verloschenen Bühne trat.

  . . . Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?
  war es dein Feind?
  Hast du dich ihm ans Herz geweint?
  Hat es dich aus den heißen Kissen
50 in die flackernde Nacht gerissen,
  in der niemand schlief im ganzen Haus . . . ?
  Wie sah es aus?
  Du mußt es wissen . . .
  Du bist dazu in die Heimat gereist.
55 – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
  Du weißt
  wie die Mandeln blühn
  und daß Seen blau sind.
  Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind
60 welche die Liebe erst erfuhr, –
  weißt du. Dir flüsterte die Natur
  in des Südens spätdämmernden Tagen
  so unendliche Schönheit ein,
  wie sonst nur selige Lippen sie sagen
65 seliger Menschen, die zu zwein
  eine Welt haben und eine Stimme –
  leiser hast du das alles gespürt, –
  (o wie hat das unendlich Grimme
  deine unendliche Demut berührt).
70 Deine Briefe kamen von Süden,
  warm noch von Sonne, aber verwaist, –
  endlich bist du selbst deinen müden
  bittenden Briefen nachgereist;
  denn du warst nicht gerne im Glanze,
75 jede Farbe lag auf dir wie Schuld,
  und du lebtest in Ungeduld,
  denn du wußtest: das ist nicht das Ganze.
  Leben ist nur ein Teil . . . . . Wovon?
  Leben ist nur ein Ton . . . . . . Worin?
80 Leben hat Sinn nur, verbunden mit vielen
  Kreisen des weithin wachsenden Raumes, –
  Leben ist so nur der Traum eines Traumes,
  aber Wachsein ist anderswo.
  So ließest du’s los.
85 Groß ließest du’s los.
  Und wir kannten dich klein.
  Dein war so wenig: ein Lächeln, ein kleines,
  ein bißchen melancholisch schon immer,
  sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,
90 das dir seit dem Tode der Schwester weitwar.
  Als ob alles andere nur dein Kleid war
  so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.
  Aber sehr viel
  warst du
. Und wir wußtens manchmal,
95 wenn du am Abend kamst in den Saal;
  wußten manchmal: jetzt müßte man beten;
  eine Menge ist eingetreten,
  eine Menge, welche dir nachgeht,
  weil du den Weg weißt.
100 Und hast ihn wissen gemußt
  und hast ihn gewußt
  gestern . . .
  jüngste der Schwestern.

  Sieh her,
105 dieser Kranz ist so schwer.
  Und sie werden ihn auf dich legen,
  diesen schweren Kranz.
  Kanns dein Sarg aushalten?
  Wenn er bricht
110 unter dem schwarzen Gewicht,
  kriecht in die Falten
  von deinem Kleid
  Efeu.
  Weit rankt er hinauf,
115 rings rankt er um dich,
  und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,
  regt dich auf mit seinem Geräusch;
  so keusch bist du.
  Aber du bist nichtmehr zu.
120 Langgedehnt bist du und laß.
  Deines Leibes Türen sind angelehnt,
  und naß
  tritt der Efeu ein . . .
  – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

125 wie Reihn
  von Nonnen,
  die sich führen
  an schwarzem Seil,
  weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.
130 In den leeren Gängen
  deines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;
  wo sonst deine sanften Schmerzen
  sich begegneten mit bleichen
  Freuden und Erinnerungen, –
135 wandeln sie, wie im Gebet,
  in das Herz, das, ganz verklungen,
  dunkel, allen offen steht.

  Aber dieser Kranz ist schwer
  nur im Licht,
140 nur unter Lebenden, hier bei mir;
  und sein Gewicht
  ist nicht mehr
  wenn ich ihn, zu dir legen werde.
  Die Erde ist voller Gleichgewicht,
145 Deine Erde.

  Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,
  schwer von den Gängen,
  die ich um ihn getan;
  Ängste aller, welche ihn sahn,
150 haften daran.
  Nimm ihn zu dir, denn er ist dein
  seit er ganz fertig ist.
  Nimm ihn von mir.
  Laß mich allein! Er ist wie ein Gast . . .
155 fast schäm ich mich seiner.
  Hast du auch Furcht, Gretel?

  Du kannst nicht mehr gehn?
  Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?
  Tun dir die Füße weh?
160 So bleib wo jetzt alle beisammen sind,
  man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,
  durch die entlaubte Allee.
  Man wird ihn dir bringen, warte getrost, –
  man bringt dir morgen noch mehr.
165 Wenn es auch morgen tobt und tost,
  das schadet den Blumen nicht sehr.
  Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,
  sie sicher zu haben, mein Kind,
  und wenn sie auch morgen schwarz und schlecht
170 und lange vergangen sind.
  Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr
  unterscheiden, was steigt oder sinkt;
  die Farben sind zu und die Töne sind leer,
  und du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer
175 dir alle die Blumen bringt.

  Jetzt weißt du das Andre, das uns verstößt,
  so oft wir’s im Dunkel erfaßt;
  von dem, was du sehntest, bist du erlöst
  zu etwas, was du hast.
180 Unter uns warst du von kleiner Gestalt,
  vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Wald
  mit Winden und Stimmen im Laub. –
  Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:
  Dein Tod war schon alt,
185 als dein Leben begann;
  drum griff er es an,
  damit es ihn nicht überlebte.

  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
  Schwebte etwas um mich?
190 Trat Nachtwind herein?
  Ich bebte nicht.
  Ich bin stark und allein. –
  Was hab ich heute geschafft?
  . . . Efeulaub holt ich am Abend und wands
195 und bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.
  Noch glänzt es mit schwarzem Glanz.
  Und meine Kraft
  kreist in dem Kranz.

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