Richard Dehmel Lied an meinen Sohn (1907)

  Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
  mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
  laut; so erwacht'ich vom Gebraus
  des Forstes schon als Kind.
5 Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
  in deine ferne Wiegenruh
  stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

  Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
  mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
10 vom Sturm; bis eine graue Nacht
  wie heute kam.
  Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
  wie damals, als ich sein Getön
  vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

15 Horch, wie der knospige Wipfelsaum
  sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
  mein Sohn, in deinen Wiegentraum
  zornlacht der Sturm – hör zu, hör zu!
  Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
20 horch, wie er durch die Kronen keucht:
  sei Du! sei Du!

  Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
  mein Sohn, dein alter Vater spricht,
  gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
25 horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
  Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
  mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
  laut ...

Neuen Kommentar hinzufügen

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt, die Moderation der Kommentare liegt allein bei Lyrik123.de. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.