Sophie Mereau An ein Abendlüftchen (1796)

  Sei mir gegrüßt aus deinen reinen Höhen,
  Du Himmelsluft!
  O! säume nicht, mich liebend anzuwehen
  Mit süßem Duft!

5 Es lauscht in dir der hingefloh'nen Zeiten
  Geliebtes Bild,
  Des Herzens Tausch, die Welt voll Seligkeiten,
  Wie du so mild!

  Die goldnen ßhren sanken schweigend nieder
10 Beim Sichelschall;
  Da gingen wir und sangen frohe Lieder
  Durch Feld und Thal.

  Du säuseltest aus blauem ßther nieder
  Sanft zu uns hin
15 Und küßtest uns; - wir küßten froh dich wieder
  Mit leichtem Sinn.

  Uns war so wohl, con deinem Hauch durchdrungen,
  Wie du so leicht,
  Und in der Ahndung süßen Traum verschlungen,
20 Dem keiner gleicht.

  Du kehrst zurück zu deiner fernen Quelle -
  Woher? Wohin?
  Wer weiß es? - So bewegt der Zeiten Welle
  Den leichten Sinn.

25 Ach! fern, ach fern wie deine ßtherschwingen,
  Entfloh das Glück,
  Und deine leichten stillen Flügel bringen
  Es nie zurück!

  Statt jener Ruhe, die dein Hauch mir sandte,
30 Verglimmt das Herz,
  Das einst in reger Lebensglut entbrannte,
  In stillem Schmerz.

  Du kehrst zurück mit himmlischem Gefieder
  Im Abendschein;
35 Und küssest mich mit süßem Atem wieder,
  Doch ach! allein!

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