Wilhelm Müller Der Glockenguß zu Breslau (1816)

  War einst ein Glockengießer
  Zu Breslau in der Stadt,
  Ein ehrenwerter Meister,
  Gewandt in Rat und Tat.

5 Er hatte schon gegossen
  Viel Glocken, gelb und weiß,
  Für Kirchen und Kapellen
  Zu Gottes Lob und Preis.

  Und seine Glocken klangen
10 So voll, so hell, so rein:
  Er goß auch Lieb und Glauben
  Mit in die Form hinein.

  Doch aller Glocken Krone,
  Die er gegossen hat,
15 Das ist die Sünderglocke
  Zu Breslau in der Stadt.

  Im Magdalenenturme
  Da hängt das Meisterstück,
  Rief schon manch starres Herze
20 Zu seinem Gott zurück.

  Wie hat der gute Meister
  So treu das Werk bedacht!
  Wie hat er seine Hände
  Gerührt bei Tag und Nacht!

25 Und als die Stunde kommen,
  Daß alles fertig war,
  Die Form ist eingemauert,
  Die Speise gut und gar:

  Da ruft er seinen Buben
30 Zur Feuerwacht herein:
  Ich lass' auf kurze Weile
  Beim Kessel dich allein.

  Will mich mit einem Trunke
  Noch stärken zu dem Guß;
35 Das gibt der zähen Speise
  Erst einen vollen Fluß.

  Doch hüte dich, und rühre
  Den Hahn mir nimmer an:
  Sonst wär es um dein Leben,
40 Fürwitziger, getan!

  Der Bube steht am Kessel,
  Schaut in die Glut hinein:
  Das wogt und wallt und wirbelt
  Und will entfesselt sein.

45 Und zischt ihm in die Ohren
  Und zuckt ihm durch den Sinn,
  Und zieht an allen Fingern
  Ihn nach dem Hahne hin.

  Er fühlt ihn in den Händen,
50 Er hat ihn umgedreht:
  Da wird ihm angst und bange,
  Er weiß nicht, was er tät.

  Und läuft hinaus zum Meister,
  Die Schuld ihm zu gestehn,
55 Will seine Knie umfassen
  Und ihn um Gnade flehn.

  Doch wie der nur vernommen
  Des Knaben erstes Wort,
  Da reißt die kluge Rechte
60 Der jähe Zorn ihm fort.

  Er stößt sein scharfes Messer
  Dem Buben in die Brust,
  Dann stürzt er nach dem Kessel,
  Sein selber nicht bewußt.

65 Vielleicht, daß er noch retten,
  Den Strom noch hemmen kann: -
  Doch sieh, der Guß ist fertig,
  Es fehlt kein Tropfen dran.

  Da eilt er, abzuräumen,
70 Und sieht, und will's nicht sehn,
  Ganz ohne Fleck und Makel
  Die Glocke vor sich stehn.

  Der Knabe liegt am Boden,
  Er schaut sein Werk nicht mehr.
75 Ach, Meister, wilder Meister,
  Du stießest gar zu sehr!

  Er stellt sich dem Gerichte,
  Er klagt sich selber an:
  Es tut den Richtern wehe
80 Wohl um den wackern Mann.

  Doch kann ihn keiner retten,
  Und Blut will wieder Blut:
  Er hört sein Todesurtel
  Mit ungebeugtem Mut.

85 Und als der Tag gekommen,
  Daß man ihn führt hinaus,
  Da wird ihm angeboten
  Der letzte Gnadenschmaus.

  Ich dank euch, spricht der Meister,
90 lhr Herren lieb und wert,
  Doch eine andre Gnade
  Mein Herz von euch begehrt.

  Laßt mich nur einmal hören
  Der neuen Glocke Klang!
95 Ich hab sie ja bereitet:
  Möcht wissen, ob's gelang.

  Die Bitte ward gewähret,
  Sie schien den Herrn gering;
  Die Glocke ward geläutet,
100 Als er zum Tode ging.

  Der Meister hört sie klingen,
  So voll, so hell, so rein:
  Die Augen gehn ihm über,
  Es muß vor Freude sein.

105 Und seine Blicke leuchten,
  Als wären sie verklärt:
  Er hatt in ihrem Klange
  wohl mehr als Klang gehört.

  Hat auch geneigt den Nacken
110 Zum Streich voll Zuversicht;
  Und was der Tod versprochen,
  Das bricht das Leben nicht.

  Das ist der Glocken Krone,
  Die er gegossen hat,
115 Die Magdalenenglocke
  Zu Breslau in der Stadt.

  Die ward zur Sünderglocke
  Seit jenem Tag geweiht:
  Weiß nicht, ob's anders worden
120 In dieser neuen Zeit.

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