Wilhelm Müller Die Braut (1824)
Eine blaue Schurze
hast du mir gegeben,
Mutter, schad' ums Färben,
Mutter, schad' ums Weben!
5 Morgen in der Frühe
wird sie bleich erscheinen,
will zu Nacht so lange
Tränen auf sie weinen.
Und wenn meine Tränen
10 es nicht schaffen können,
wie sie immer strömen,
wie sie immer brennen,
wird mein Liebster kommen
und mir Wasser bringen,
15 wird sich Meereswasser
aus den Locken ringen.
Denn er liegt da unten
in des Meeres Grunde,
und wenn ihm die Wogen
20 rauschen diese Kunde,
dass ich hier soll freien
und ihm treulos werden,
aus der Tiefe steigt er
auf zur bösen Erden.
25 In die Kirche soll ich --
nun, ich will ja kommen,
will mich fromm gesellen
zu den andern Frommen.
Lasst mich am Altare
30 still vorüberziehen;
denn dort ist mein Plätzchen,
wo die Witwen knien.
Bibliographische Daten
Wilhelm Müller (1794-1827)
Die Braut
Eine blaue Schurze …
1824
Spätromantik
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