Wilhelm Müller Frühlingsreigen (1823)

  Du heller linder Abendwind,
  Flieg hin zu meinem Schatz geschwind,
  Es wird dich nicht verdrießen,
  Und fächl' ihr sanft um Wang' und Kinn,
5 Treib deine jüngsten Düfte hin
  Und sprich: Der Lenz läßt grüßen!

  Die Laute nehm' ich von der Wand
  Und schlinge drum ein grünes Band.
  Ein Vöglein hort' ich schlagen,
10 Es schlug: Wer bindet an mit mir
  Zu Lieb' und Sang ein Festturnier
  In grünen Rosenhagen?

  Wohlauf im hellen Mondenschein,
  Durch alle Gassen aus und ein
15 Mit Fiedeln und Schalmeien!
  Thut auf, thut auf die Fensterlein,
  Ihr Mägdlein, laßt den Frühling ein!
  Dürft euch vor ihm nicht scheuen.

  Er ist ein wohlgezogner Gast,
20 Ein Knäblein jung und blöde fast,
  Auch etwas unerfahren;
  Nehmt Amorn ihm als Lehrer an,
  So wird er bald ein kluger Mann,
  Noch eh' er kommt zu Jahren.

25 Du heller linder Abendwind,
  Was meint zu dir das liebe Kind,
  Gefällt ihr deine Kunde?
  Gut' Nacht, Gut' Nacht! Die Fenster zu!
  Der neue Gast verlangt nach Ruh',
30 Der Wächter bläst die Stunde.

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