Wilhelm Müller Liebesgedanken (1826)

  Je höher die Glocke,
  je heller der Klang:
  je ferner das Mädchen
  je lieber der Gang.

5 Der Frühling will kommen,
  o Frühling, meine Freud
  I nun mach ich meine Schuhe
  zum Wandern bereit.

  Wohlauf durch die Wälder,
10 wo die Nachtigall singt,
  wohlauf durch die Berge,
  wo's Hifthorn erklingt !

  Zwei schneeweisse Täubchen
  die fliegen voraus
15 und setzen sich schnäbelnd
  auf der Hirtin ihr Haus.

  Ei bist du schon munter
  und bist schon so blank ?
  Gott grüss dich, schön's Dirnchen !
20 Ach der Winter war lang !

  Zwei Augen wie Kirschkern,
  die Zähne schneeweiss,
  die Wangen wie Röslein
  betracht ich mit Fleiss.

25 Ein Mieder von Scharlach,
  ganz funkelnagelneu,
  und unter dem Mieder
  ein Herzchen so treu !

  Und ihr Lippen, ihr Lippen,
30 wie preis' ich denn euch ?
  So wie ich will sprechen,
  so küsst ihr mich gleich !

  Ei Winter, ei Winter
  bist immer noch hier ?
35 So darf ich doch wandern
  in Gedanken zu ihr.

  Auf Sieben meilenstiefeln
  geht's flink von der Stell;
  auf Liebesgedanken
40 geht's siebenmal so schnell.

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